Zeitungsverlage, Radio- und Fernsehstationen sollen versteigert werden: Türkei privatisiert ihr Medienportfolio

Zeitungsverlage, Radio- und Fernsehstationen sollen versteigert werden
Türkei privatisiert ihr Medienportfolio

Der türkische Staat will sich von seinen umfangreichen Medienbeteiligungen trennen: Mehrere TV-Sender, Radiostationen und Zeitungsverlage sollen in den nächsten Monaten versteigert werden. Ministerpräsident Tayyip Erdogan verspricht zudem, dass die Branche transparenter werden soll. Hier sind aber Fragezeichen angebracht.

HB ISTANBUL. Das staatliche Medien-Portfolio ist ein Erbe der schweren Finanzkrise vom Februar 2001. In den 90er Jahren hatten sich viele türkische Unternehmer nicht nur eigene Banken zugelegt, um sich Finanzquellen zu erschließen, sondern es standen auch TV-Sender, Radiostationen und Presseverlage auf der Einkaufsliste. Mit den Medien wollten sie ihre sonstigen Geschäfte fördern und politischen Einfluss gewinnen – bis während der Finanzkrise 2001 fast 20 Privatbanken in Schieflage gerieten. Daraufhin stellte der staatseigene Einlagen-Sicherungsfonds (TMSF) nicht nur diese Banken unter seine Zwangsverwaltung, sondern übernahm auch die Kontrolle über die Firmenimperien der Pleite-Bankiers, um Ansprüche der Gläubiger zu sichern. Dazu gehörten zahlreiche Medienunternehmen. So kontrolliert der TMSF derzeit 17 Fernsehstationen, zehn Radiosender, mehrere Presseverlage und Druckereien.

Im März will die Regierung mit der Reprivatisierung dieser Unternehmen beginnen. Ziel sei es, die türkische Medienlandschaft breiter aufzustellen, heißt es in der Umgebung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan. Der Premier wolle eine strikte Trennung von Politik, Medienmacht und sonstigen wirtschaftlichen Interessen, sagt ein Berater Erdogans. Zur Versteigerung kommen demnächst beispielsweise die Star-Gruppe, einst die zweitgrößte türkische Medienholding, die mehrere Tageszeitungen, Magazine, Druckereibetriebe und Fernsehsender umfasst. Sie gehörte der inzwischen untergetauchten Unternehmerfamilie Uzan, die Einlagen ihrer Imar Bank in Höhe von über fünf Mrd. Euro veruntreut haben soll. Ein weiteres Filetstück, das nun unter den Hammer kommt, ist das Massenblatt Sabah und dessen Schwesterkanal ATV. Sie gehörten dem Unternehmer Dinc Bilgin, bis dessen Etibank zusammenbrach und der Bankier verhaftet wurde. Als erstes soll im nächsten Monat der Pay-TV-Kanal Cine 5 des gescheiterten Bankiers Erol Aksoy versteigert werden.

Aber die Hoffnung der Regierung, mit dem Verkauf des Staatsportfolios den türkischen Medienmarkt zu entflechten, dürfte sich kaum erfüllen. Denn in den Startlöchern stehen nun vor allem die etablierten Medienbarone. Sie greifen nach den TV-Stationen, Radiosendern und Verlagen der Pleite-Bankiers, um ihre Marktmacht weiter zu stärken: Aydin Dogan zum Beispiel, der bereits jetzt 45 Prozent des türkischen Zeitungsmarktes und die TV-Sender CNN Türk sowie Kanal D kontrolliert. Dogan, zu dessen Firmenimperium auch Banken, Versicherungen, ein Tankstellennetz, Touristikunternehmen und Bio-Farmen gehören, interessiere sich für die Übernahme „eines oder mehrerer“der zu versteigernden TV-Sender, bestätigte jetzt Soner Gedik, Finanzchef der Medienholding Dogan Yahin. Sie ist schon jetzt der größte türkische Medienkonzern und über die Dogan Media International auch in Deutschland aktiv. Als ein weiterer Interessent für die jetzt zur Versteigerung kommenden Sender und Verlage hat sich der Medienunternehmer Turgay Ciner gemeldet, der neben drei Tageszeitungen auch Kraftwerke, Reiseunternehmen und Minen kontrolliert.

Aber auch ausländische Medienbarone könnten zugreifen. Silvio Berlusconi zum Beispiel, dessen Mediaset SpA bereits mit Dogan an einem Joint venture zur Übernahme der Star-Mediengruppe strickt. Da trifft es sich gut, dass die türkische Regierung jetzt einen Gesetzentwurf präsentierte, mit dem die Höchstbeteiligung von Ausländern an Medienunternehmen von bisher 25 auf 49 Prozent erhöht werden soll. Manche sprechen von einer „Lex Berlusconi“: Premier Erdogan und der italienische Regierungschef sind nicht nur politische sondern auch persönliche Freunde: Im vergangenen Jahr war Berlusconi Trauzeuge bei der Hochzeit des Erdogan-Sohnes Bilal.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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