Der Münchener Speicherchiphersteller Qimonda will die Krise in seiner Branche nutzen, um andere Unternehmen zu kaufen. „Wir schauen uns um und halten uns alle Optionen offen“, sagt Unternehmenschef Kin Wah Loh im Gespräch mit dem Handelsblatt – nachdem Qimonda vergangene Woche einen Verlust für das abgelaufene Quartal von 598 Millionen Euro berichtet hatte.
Handelsblatt: Herr Loh, im abgelaufenen Quartal hat Qimonda für jeden Euro Umsatz mehr als einen Euro Verlust eingefahren. Wie konnte es so weit kommen?
Kin Wah Loh: Sie müssen sich nur den Preisverfall anschauen: Am 1. Oktober vergangenen Jahres wurde für einen Standardchip am Markt durchschnittlich 1,50 Dollar bezahlt. Am 31. Dezember war es nicht einmal mehr ein Dollar. So schnell konnten wir unsere Kosten nicht senken.
Im letzten Quartal sind Ihre Barmittel um mehr als die Hälfte auf 374 Mill. Euro geschrumpft. Noch so ein Quartal, und Ihnen geht das Geld aus.
Wir glauben nicht, dass es so weit kommen wird. Erstens, weil wir davon ausgehen, dass wir im laufenden Quartal die Ausgaben senken können. Zweitens, weil wir im Vergleich zu unseren Konkurrenten geringe Schulden haben. Das heißt, dass wir noch erheblichen Finanzierungsspielraum haben.
Abgesehen von Marktführer Samsung schreiben alle Wettbewerber rote Zahlen. Müsste das nicht zu einer Konsolidierung führen?
Schon in den vergangenen Jahren sind viele Anbieter ausgestiegen, indem sie ihr Dram-Geschäft verkauft oder mit Konkurrenten zusammengelegt haben. Wir haben zum Beispiel von Motorola ein Werk in Amerika übernommen. Ich bin sicher, dass die Konzentration weiter geht. Denn momentan können sich einige Wettbewerber nicht mehr so leicht frisches Geld verschaffen wie in der letzten Krise.
Was heißt das für Qimonda? Wollen Sie Konkurrenten übernehmen?
Wir schauen uns um und halten uns alle Optionen offen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ließe sich eine Übernahme finanzieren?
Könnten Sie eine Übernahme überhaupt finanzieren?
Wenn wir ein schlüssiges, im Interesse des Unternehmens liegendes Konzept vorlegen, bin ich zuversichtlich, dass die Banken uns unterstützen.
Wegen der Immobilienkrise in Amerika sind die Banken jetzt sehr zurückhaltend. Glauben Sie, ein Unternehmen wie Qimonda könnte sie überzeugen?
Es stimmt, die Situation ist nicht erfreulich. Wir haben bereits im letzten Quartal gemerkt, dass die Diskussionen mit den Bankern länger und intensiver als zuvor waren. Aber als wir unsere Maschinen im Werk in Richmond erst verkauft und anschließend wieder gemietet haben, eine so genannte Sale-and-lease-back-Transaktion, ging dies relativ problemlos vonstatten. Angesichts unserer geringen Verschuldung bin ich überzeugt, dass wir mit den Banken weiterhin ins Geschäft kommen können.
Qimonda ist abhängig von den so genannten Dram-Chips. Aus dem Geschäft mit Flash-Chips, wie sie etwa in MP3-Playern und Handys eingesetzt werden, sind Sie vor Jahren ausgestiegen. War das ein Fehler?
So überraschend sich das angesichts unserer Verluste anhören mag: Nein, war es nicht. Wir hatten damals, als wir noch Teil von Infineon waren, auf eine bestimmte Technologie im Bereich des so genannten Nand-Flash gesetzt. Damit waren wir nicht konkurrenzfähig und wären es auch heute nicht. Deshalb war es richtig, das aufzugeben.
Jüngst haben Sie mitgeteilt, über eine Kooperation wieder in das Flash-Geschäft einzusteigen und neue Produkte zu entwickeln. Kommt Qimonda da nicht viel zu spät?
Natürlich wäre es schön, wenn wir heute die richtige Flash-Technologie hätten und damit Umsatz machen könnten. Aber das ist nicht der Fall. Deshalb müssen wir jetzt so schnell wie möglich technologisch an die Spitze, um ein zweites Standbein aufzubauen.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: In Amerika werden Stellen gestrichen
Streichen Sie jetzt Stellen?
Dass in Dresden 600 Jobs bei Infineon abgebaut werden, haben wir bereits mitgeteilt. Das betrifft vor allem Leiharbeiter. Darüber hinaus werden in Amerika rund 100 Arbeitsplätze im Zuge der Zusammenführung von zwei Entwicklungszentren wegfallen. Ansonsten gilt: Wenn eine Stelle frei wird, dann wird sie nur bei dringlichem Bedarf wieder besetzt.
Wie sicher sind die Arbeitsplätze in Deutschland?
Wir haben keinen weiteren Stellenabbau geplant. Klar ist auch, dass Dresden unser globales Technologiezentrum ist und bleibt. Auch die Fabrik dort ist wichtig, weil wir da die Produktionsprozesse erproben.
Es ändert sich also nichts?
Doch, denn wir werden die in Dresden entwickelten Prozesse künftig schneller zu unseren Produktionspartnern nach Asien übertragen. Dazu werden wesentlich mehr Ingenieure aus Taiwan nach Dresden kommen. Um es ganz deutlich zu sagen: Dresden ist für uns kein Ort der Massenfertigung, sondern unser Referenzzentrum für Technologieforschung und -entwicklung.

