Der unaufgeräumte Schreibtisch bietet dafür ein optimales Umfeld. Als der schottische Bakteriologe Alexander Fleming im September 1928 aus dem Urlaub zurückkehrte, entdeckte er in der Unordnung seines Labors, zwischen Reagenzgläsern, Büchern, Zigaretten und Notizen eine Petrischale mit Bakterienkulturen. Auf der Schale hatte sich Schimmel gebildet. Fleming fiel auf, dass sich die Kulturen von den Pilzen auf wundersame Weise fernhielten. Er untersuchte das Mini-Biotop und stellte fest, dass der Pilz die Bakterien tötet. Auf Basis dieser Erkenntnisse entwickelte er das Penizillin. Diese zufällige Entdeckung brachte ihm später den Nobelpreis.
Für viele Psychologen steht fest, dass kreative Menschen oft etwas chaotischer sind. "Auf einem leergefegten Schreibtisch findet man keine überraschenden Anregungen", sagt Michael Frese, Psychologe an der Universität Gießen und der London Business School.
Das gilt nicht nur für den Schreibtisch. Wer Chaos zulässt, bleibt flexibel. Der ehemalige Schauspieler und heutige Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, treibt das Prinzip auf die Spitze: Er führt keinen Terminkalender. Wer ihn sprechen will, ruft an. Er schaut dann, ob es passt. Dies nennt er "improvisationsfreudigen Lebensstil". Man kann viel sagen über Schwarzenegger, nicht aber, dass er erfolglos wäre.
Zu viel Ordnung engt ein und kann sogar Blechschäden verursachen. In einer Untersuchung für den Deutschen Verkehrssicherheitsrat hat Psychologe Grünewald herausgefunden, dass Autofahrer, die sich besonders streng an die Verkehrsregeln halten, auffällig oft in Unfälle verwickelt sind. Der Grund: Sie sind unfähig, spontan zu reagieren. Am seltensten krachte es bei Fahrern, die sich zwar an die wichtigsten Regeln hielten, gleichzeitig aber ihre Aufmerksamkeit auf Gespräche, Radiobeiträgen oder Tagträume richteten.
Unordnung spart Geld. Zwar behaupten die Ordnungshüter das Gegenteil. So sollen Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern, die das Ordnungssystem AP Dok implementieren, sagenhafte zehn Millionen Euro sparen - verspricht Edith Stork. Dabei unterstellt sie, dass wir uns ohne ihr System täglich im Schnitt eineinhalb Stunden durch unsere Zettelberge wühlen.
Belege für diese Annahme gibt es nicht. Studien zeigen vielmehr, dass Menschen im Büro durchschnittlich nur etwa neun Minuten nach verlegten Unterlagen kramen. Besonders interessant: Wer an einem aufgeräumten Schreibtisch sitzt, kramt sogar 36 Prozent länger nach seinen Zetteln, schreiben Eric Abrahamson, Professor der New Yorker Columbia University, und der Journalist David Freedman in ihrem Buch "Das perfekte Chaos". Denn wer alles abheftet, kann sich oft nicht mehr erinnern, wo die Unterlagen stecken.
Und da sind die Minuten noch nicht mitgerechnet, die vergehen, während wir Zettel in Kästen, Hängeregister und Ablagekörbe systematisieren.
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