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26.03.2008 

Heiner ist Verwaltungsfachangestellter in Köln. Und er ist schwul. In Köln ist das nichts Besonderes. Aber über einen, der anfälliger für Erkältungskrankheiten ist und deshalb häufiger krankgeschrieben wird, machen sich die Leute so ihre Gedanken. „Dann brauchst du nur einen großen Pickel im Gesicht zu kriegen, und es heißt gleich: Der hat Aids.“

In den Köpfen der Leute läuft dann sofort eine Schablone wie ein Kinofilm ab, mit häufig wechselnden Sexualpartnern und wilden Orgien in schmuddeligen Darkrooms. Dass Heiner immer wieder beteuert, seit fünf Jahren mit seinem festen Freund zusammenzuleben, blenden die Kollegen aus. Spätestens seit dieses durch nichts gerechtfertigte Gerücht kursiert, seit irgendeiner diesen Verdacht laut gedacht hat, wird Heiner von den Kollegen geschnitten. Auch der Chef, der ihm früher anerkennend auf die Schulter klopfte, geht heute spürbar auf körperliche Distanz. Soll Heiner die Spekulationen abwehren, demonstrativ und ostentativ sagen, dass er gesund ist? „Das verfestigt das Gerücht doch nur“, glaubt er. Das klinge dann wie damals bei US-Präsident Bill Clinton, der noch mitten in der Lewinsky-Affäre betonte: „Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau.“

Tatsächlich bringen Beteuerungen wenig. Unser Gehirn hört irgendwann auf, die Qualität von Quellen zu unterscheiden. Ob wir eine Information von vielen glaubwürdigen Personen hören oder nur von vielen oder gar immer nur aus der gleichen Quelle, ist unerheblich. Was bleibt, folgt dem Prinzip der urbanen Legenden: Die Leute müssen den Quatsch nur oft genug hören, damit sie glauben, dass er stimmt. Das ist das Ergebnis einer Studie von Norbert Schwarz, einem Psychologen an der Universität Michigan.

Üble Nachrede gehört zum Repertoire der Mächtigen

Und dieser Effekt macht Menschen anfällig für Manipulationen. So gehört etwa die üble Nachrede seit jeher zum Repertoire der Mächtigen und derjenigen, die es werden wollen: Schon der römische Philosoph Cicero unterstellte seinen politischen Gegnern gern, ihr Geld in jungen Jahren als Strichjungen verdient zu haben. Der britische Lordkanzler Sir Francis Bacon musste 1621 gar alle Ämter aufgeben, weil seine Feinde herumerzählten, er habe sich bestechen lassen. Und König Eduard VIII. wurde 1936 Opfer einer Intrige: Seine Gegner streuten das Gerücht, dass seine Geliebte, die Amerikanerin Wallis Simpson, Naziagentin sei und ihre erotischen Finessen in einem chinesischen Bordell gelernt habe. Eduard heiratete sie trotzdem, musste dafür aber auf den Thron verzichten.

Auch in der Wirtschaft sind Gerüchte ein gern genutztes Mittel, beispielsweise um Wettbewerber zu schwächen oder um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. So musste etwa der Bierbrauer Warsteiner in den Neunzigerjahren in einer teuren Kampagne gegen Mutmaßungen ankämpfen, die Brauerei stünde der Scientology-Sekte nahe. Umgekehrt macht sich die Werbebranche heute die Macht des Geredes – auch Buzz genannt – mit dem sogenannten Viral Marketing zunutze. Dabei werden Konsumenten subtil verleitet, Produktwerbung etwa per E-Mail oder Web-Video im Freundeskreis zu verbreiten — ohne zu ahnen, dass sie längst Teil der Kampagne geworden sind.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die gängigsten Varianten des Klatsch.

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