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20.04.2007 
Siemens-Chefkontrolleur

Cromme – Das Gewissen der deutschen Wirtschaft

von Markus Hennes und Dieter Fockenbrock

Gerhard Cromme folgt Heinrich von Pierer als Chefkontrolleur bei Siemens. Cromme hat wie kaum ein anderer Manager die Unternehmens-Landschaft und -kultur in Deutschland verändert, besonders im Ruhrgebiet. Der ehemalige Stahlmanager ist heute einer der gefragtesten Aufsichtsräte. Von mindestens einem seiner Posten muss er sich aber verabschieden.

Gerhard Cromme steht an der Spitze der Corporate-Governance-Kommission. Foto: dpaLupe

Gerhard Cromme steht an der Spitze der Corporate-Governance-Kommission. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Der promovierte Jurist Cromme begann seine Karriere 1971 bei der französischen Baustoffgruppe Saint-Gobain.1986 holt Aufsichtsratschef Berthold Beitz den ausgewiesenen Sanierer zum wirtschaftlich angeschlagenen Krupp-Konzern und macht ihn zum Chef der Tochter Krupp Stahl. Cromme hat große Pläne. Aus seiner Sicht hat Krupp nur in einem größeren Verbund die Chance, weltweit wieder konkurrenzfähig zu werden. Billige Importe aus dem Ausland überschwemmen den deutschen Markt, parallel dazu sinkt die Nachfrage der Kunden, die Hersteller haben enorme Überkapazitäten. Krupp rutscht immer tiefer in die roten Zahlen.

Ende 1987 verkündet der schlanke, groß gewachsenen Mann das Aus für das Krupp-Stahlwerk Werk Rheinhausen – nach 90 Jahren Produktion. Die Arbeiter reagieren mit Enttäuschung und Wut. „Einige bewarfen ihn mit Eiern“, erinnert sich Theo Steigmann, damals stellvertretender Betriebsratsvorsitzender des Duisburger Stahlwerks. Bis heute ist Rheinhausen ein Mythos geblieben, das Symbol für den längsten Arbeitskampf der deutschen Nachkriegsgeschichte, ein nervenaufreibendes Poker zwischen Wirtschaft, Politik und Beschäftigten.

1989 rückt Cromme an die Spitze der Muttergesellschaft Fried. Krupp in Essen auf und treibt die Konsolidierung weiter voran. 1992 schluckt er mit Hilfe einer Schweizer Großbank den börsennotierten Dortmunder Konkurrenten Hoesch. 1997 liefert er sich mit dem Erzrivalen Thyssen eine erbitterte Übernahmeschlacht, aus der er schließlich als Sieger hervorgeht. Zunächst fusionieren die beiden Stahltöchter, 1999 schließen sich die beiden Ruhrkonzerne komplett zusammen.

Gemeinsam mit Thyssen-Manager Ekkehard Schulz führt Cromme den fusionierten Konzern. Doch die beiden sind wie Feuer und Wasser. Der aggressive Firmenkäufer Cromme und der Konsensstifter Schulz passen einfach nicht zueinander. Im Oktober 2001 zieht Cromme die Konsequenz und übernimmt den Vorsitz im Aufsichtrat von Thyssen-Krupp.

Doch der Ausstieg aus dem aktiven Management füllt den damals 58-Jährigen nicht aus. Cromme übernimmt zahlreiche Aufsichtsratsposten in- und ausländischen Unternehmen. Bis heute gehört er den Kontrollgremien von Allianz, Axel Springer, der Deutschen Lufthansa, Ein, Siemens, der französischen Großbank BNP Paribas, dem Baustoffkonzern Saint-Gobain und dem französischen Versorger Suez an. Außerdem übernimmt er den Vorsitz der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Cromme muss Posten abgeben.

Zumindest einer seiner zahlreichen Aufsichtsratsposten muss Cromme aber niederlegen. Das deutsche Aktienrecht begrenzt die Höchstzahl der Mandate auf zehn, der Aufsichtsratsvorsitz zählt dabei doppelt. Bei welchen Unternehmen Cromme aus dem Kontrollgremien ausscheiden wird, steht nach Angaben aus Unternehmenskreisen noch nicht fest. Seinen Aufsichtsrats-Vorsitz bei Thyssen-Krupp wird er aber auf jeden Fall behalten, stellte das Unternehmen am Freitag umgehend klar.

Unter Crommes Regie hat die Wirtschaft ein Regelwerk für gute und transparente Unternehmensführung und -kontrolle entwickelt, das international Anerkennung findet. Doch Cromme hält sich nicht immer an alle Empfehlungen, die der Kodex den Unternehmen macht. So soll es nicht die Regel sein, dass Vorstandsvorsitzende nach Ablauf ihrer Verträge nahtlos an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln.

Kritik zog Cromme zudem im Januar dieses Jahres auf sich, als der Großaktionär von Thyssen-Krupp, die Krupp-Stiftung, sich per Entsenderecht drei Aufsichtsratsposten sichert, was eine Übernahme des Stahlkonzerns beinahe unmöglich macht. Das Verhalten der Stiftung ist zwar völlig legal, wird aber sogar von einzelnen Mitgliedern der Corporate-Governance-Kommission abgelehnt. Cromme dagegen verteidigte die Satzungsänderungen in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Viel gewichtiger aber in der jetzigen Situation: Seine Rolle bei Siemens ist umstritten. Cromme gehört dem Aufsichtsrat des Münchener Konzerns seit 2003 an und leitet den Prüfungsausschuss des Kontrollgremiums. In dieser Funktion hätten Cromme die Schmiergeldzahlungen schon früher auffallen können, kreidet man ihm im Siemens-Umfeld an.

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