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07.11.2007 
Siemens-Chef Peter Löscher

Der Abarbeiter

von Christoph Hardt

Peter Löscher ist in seinen ersten 100 Tagen durchs Siemens-Reich gereist und hat vor allem eines getan: zugehört. Aber ist der 50-Jährige auch hart genug, um die geplanten großen Veränderungen konsequent durchzuziehen?

Peter Löscher. Foto: apLupe

Peter Löscher. Foto: ap

MÜNCHEN. Der große, vornehme Mann steht stramm da wie am ersten Tag. Die Arme senkrecht gen Boden, das Gesicht scheinbar ruhig und freundlich, die Stimme sanft, mit K.u.k.- Schmelz samt kehligem Kärntner „K“. Die ersten 100 Tage Siemens, sie haben Peter Löscher rein äußerlich nichts anhaben können, obwohl er eine Tour hinter sich hat, die selbst seinem Rund-um-die-Uhr-im-Einsatz-Vorgänger Klaus Kleinfeld höchsten Respekt abfordern müsste.

Am Donnerstagabend steht Peter Löscher also wieder stramm. Siemens hat einen Kreis von Journalisten in die Konzernzentrale geladen. Der CEO soll seine Pläne erläutern, schließlich endet an diesem Montag die 100-Tage-Frist, um die er genau diese Leute beim Amtsantritt gebeten hatte. Es gibt also Gesprächsbedarf. Alles ist bestens vorbereitet. Nur – mit der Staatsanwaltschaft München haben die Siemens-Kommunikatoren nicht gerechnet.

Denn als Löscher an diesem Tag um 14 Uhr aus dem Flieger steigt, da ahnt er nicht, welche Botschaft ihn auf dem Handy erwartet. Das Landgericht München verhängt eine Geldbuße von 201 Millionen Euro gegen Siemens und schließt im Gegenzug die Ermittlungen gegen den Konzern ab. Welcome home, Mr. Löscher.

In den vergangenen 100 Tagen ist Löscher auf der ganzen Welt unterwegs gewesen: zweimal China, zweimal Japan, Russland, Indien, Amerika, Deutschland, Österreich, der Mittlere Osten, 100 Tage Siemens. Er hat mit jungen Führungskräften, mit alten und mit ehemaligen Siemens-Chefs gesprochen. Er hat Kunden konsultiert, Journalisten informiert, er hat Angela Merkel kennengelernt, sich mit Freunden wie dem Allianz-Vorstand Paul Achtleitner beraten, in dessen Haus Löscher mit seiner Familie drei Monate lang wohnte und wo er einen Crashkurs in Münchener Verhältnissen bekommen hat. Vor allem aber hat Löscher zugehört. Am Donnerstag hat er erstmals darüber gesprochen: „Es gibt genug, das wir abarbeiten müssen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Keine schlechte Taktik

Viel ist über ihn zuletzt berichtet worden: Still sei er und einsam, heimlich plane er den großen Konzernumbau. Das alles klang nach Einzelgängertum. Das ist natürlich Unfug. Gute Bekannte schildern Löscher als ausgesprochen kommunikationsfreudig, als einen „Teamspieler gerade auch im Beruflichen“.

Vielleicht liegt das Missverständnis darin, dass Löscher konsequent vorgeht: Er hat versprochen, dass er vor allem zuhören werde. Das ist keine schlechte Taktik für einen, der neu ist im Riesenreich Siemens mit seinen 475 000 Mitarbeitern und fast ebenso vielen Fußfallen.

Wenn Löscher redet, dann geschmeidig, auch wenn das Managementvokabular am Ende des Tages beweist, dass er längst noch nicht die Souveränität gefunden hat, die er sich wünscht. Jeder öffentliche Auftritt wirkt eintrainiert und steif. Sobald die Runde aber kleiner wird, gewinnt der Siemens-Chef an Präsenz.

Dennoch fragen sich viele, ob dieser Mann wirklich hart genug ist, um das durchzuziehen, was er da am Donnerstagabend verkündet hat. Klar, Löscher hat früher ziemlich gut Volleyball gespielt, ein Spiel, welches das richtige Gefühl für Rhythmus, Tempo und manchmal auch Härte erfordert. Aber er hat einen so höflichen Händedruck, dass man ihm den Volleyball-Nationalspieler nicht glauben mag.

Am Donnerstag will er also über den Unternehmensumbau reden. Doch die Staatsanwaltschaft hat wieder eine neue Agenda geschaffen. Erneut interessiert die Journalisten vor allem der Schmiergeldskandal. Löscher gibt sich extrem einsilbig. Das Einzige, was er selbst zu diesem Thema zu Protokoll gibt, ist der Satz: „Die Einstellung des Bußgeldverfahrens ist nur ein erster Baustein.“ Wahrscheinlich hat ihm das sein Pressesprecher vorgesagt, und dem haben es Anwälte diktiert. Löscher, mit der US-Börsenaufsicht SEC im Nacken, wird den Teufel tun, solche Sprachregelungen zu ignorieren.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Revolution hat es in sich

Es gibt Momente, da spürt man, dass er weiß, wie groß das Gefahrenpotenzial im neuen Job ist. Dann wirkt er für Sekunden blass, als hätte er es mit der Angst bekommen. Doch schnell fasst er sich wieder, ist zurück in der Macherrolle und bei seiner Lieblingsformulierung: „Das müssen wir abarbeiten.“

Die Revolution, die Löscher verkündet, hat es in sich. An Haupt und Gliedern wird Siemens reformiert. Die Ländergesellschaften werden mit ihren mitunter widerspenstigen Chefs zu Dienstleistern für die operativen Bereiche, die von drei mächtigen Vorständen geführt werden.

Viele Kunden hätten die Schwerfälligkeit von Siemens kritisiert, berichtet Löscher von seiner Weltreise. Viele Siemensianer werden ihm zustimmen, dass zu viel diskutiert und zu spät entschieden werde. Bei GE sei das anders: Wenn Jeffrey Immelt aufs Gaspedal drücke, dann fahre die Organisation auch, sagt er. Mit solchen Vergleichen sollte er vorsichtig umgehen. Sie nähren die Botschaft, mit ihm hätten die Amerikaner die Macht ergriffen. Tatsächlich legt Löscher Hand an die alten, ziemlich deutschen Strukturen. So schien der Apparat immer stärker zu sein als die handelnden Personen. Das könnte sich jetzt ändern. Mit Peter Solmssen ist ein Amerikaner als Chefjustiziar in den Vorstand aufgerückt. Auch der neue Chief Compliance Officer Andreas Pohlmann kennt Siemens nur von außen.

Der Schmiergeld-Skandal könnte sich als der Verbündete im Veränderungsprozess erweisen: Nie war die Bereitschaft, Neues zu wagen, größer als heute. Wohl auch deshalb legt Löscher ein hohes Tempo vor. Sollte der Aufsichtsrat seinen Plänen am 28. November zustimmen, wird Siemens bald ein etwas anderes Unternehmen sein. Das wäre nicht wenig für die ersten Tage des Abarbeiters.

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