Hotelier und Stahlkocher, Telefonanbieter und Teeproduzent – wer ist Ratan Tata, der neue Herr über die automobilen Nobelmarken Jaguar und Land Rover?
Ratan Tata hat mit dem Kauf der Nobelmarken Jaguar und Landrover ein heißes Eisen angefasst. Foto: ap
Was Ratan Tata sich mit der Übernahme von Jaguar und Land Rover vorgenommen hat, war westlichen Autobauern offensichtlich zu heiß. Anders ist kaum zu erklären, dass außer dem indischen Konkurrenten Mahindra kein Hersteller für die angeschlagenen Luxusmarken von Ford bieten wollte. Jahrelang hat der US-Autohersteller an seinen britischen Töchtern herumgedoktert – mit bescheidenem Erfolg. Zwar schreibt Land Rover schwarze Zahlen, Jaguar jedoch ist weiterhin ein Sanierungsfall. Der Absatz von Jaguar in Europa und den USA liegt in diesem Jahr bisher um ein Drittel unter dem Vorjahr. Die Bilanz ist tiefrot. Wer aus beiden zusammen ein Geschäft machen will, braucht einen langen Atem – auch finanziell.
Tata dürfte klar sein, dass er viel Geld in die Hand nehmen muss, wenn sein Prestigeprojekt Erfolg haben soll. Im Geschäft mit hochwertigen sogenannten Premiumfahrzeugen fehlt dem indischen Konzern jede Erfahrung – die wird er sich erkaufen müssen. Experten schätzen, dass es noch bis zu acht Milliarden Dollar kosten wird, um aus den beiden Marken im Verbund ein funktionierendes Geschäft zu machen. Sicher: Viel bezahlt hat Tata mit 2,3 Milliarden Dollar nicht. Ford musste seinerzeit für die beiden Marken noch mehr als doppelt so viel berappen.
Zieht man die von Ford übernommenen Pensionsverpflichtungen in Höhe von 600 Millionen Dollar und die weiteren Vereinbarungen etwa über künftige Technologietransfers ab, liegt der Kaufpreis sogar weit darunter.
Allerdings: In den USA bricht der Markt für Luxusfahrzeuge gerade ein. In Europa werden beide Marken mit ihren großen Fahrzeugen von Strafzahlungen für zu hohen Flottenausstoß des klimaschädlichen Gases CO2 bedroht. Sollte die EU mit kleineren Herstellern ähnlich hart verfahren wie mit großen, müsste Tata entweder Emissionsrechte von anderen Herstellern kaufen oder komplett neue Modelle entwickeln, und das schnell.
Hinzu kommt der Rationalisierungsdruck: Aus Expertensicht ist von den drei Jaguar- und Land-Rover-Werken mindestens eines überflüssig.
Um bei Jaguar aufzuräumen, wirkt Ratan Tata wie eine Fehlbesetzung. Der Magnat mit den graumelierten Schläfen gilt als zurückhaltend und höflich, als Gentleman mit tadellosen Umgangsformen, der leisen, aber niemals überflüssigen Töne. Damit widerspricht er dem Typus des aggressiven Aufsteigers aus Schwellenländern. Anders als sein Landsmann Lakshmi Mittal, der Stahlgigant, agiert Tata mit Samthandschuhen. Er ist gläubiger Parse. Der Religion aus dem Mittleren Osten, die für Toleranz und Caritas bekannt ist, gehörte etwa auch Feroze Gandhi an, der Ehemann der ermordeten, früheren indischen Ministerpräsidentin Indira Gandhi.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der letzte Spross einer indischen Dynastie.
Der studierte Architekt Tata ist der letzte Spross einer indischen Dynastie, die die Wirtschaftsentwicklung des Landes seit Ende des 19. Jahrhunderts geprägt hat. Grundstein des Familienimperiums war ein Handelskontor, das Tatas Urahn Jamsetji Tata 1868 eröffnete. Es folgten Garn- und Tuchfabriken, Indiens erste Stahlhütte, das erste private Kraftwerk und eine Luftfahrtgesellschaft.
Als der Harvard-Absolvent 1962 in den Konzern einstieg, erkämpfte er sich seine Lorbeeren durch harte Arbeit. Er schuftete in der Tata-Stahlfabrik in Jamshedpur. 1991 übernahm er Tata als Konzern aus fast 300 zerstrittenen Unternehmen. Er schrumpfte die 35 Geschäftsbereiche auf sieben zusammen, entließ Tausende von Mitarbeitern und tauschte die Führung aus. Den Plan dazu hatte er zehn Jahre zuvor entworfen.
Trotz des rigiden Konzernumbaus gilt der 70-Jährige bis heute als einer der beliebtesten Arbeitgeber des Landes. In seiner Freizeit ist er begeisterter Flieger, der hin und wieder als Copilot Kampfjets der Typen F-16 und F-18 lenkt und selbst einen Falcon-Jet besitzt. Die in Indien verbreitete Schmiergeldpraxis ist bei Tata verpönt. Der Konzern gehört zu 65,8 Prozent mehreren Stiftungen, zwei Drittel der Gewinne kommen wohltätigen Zwecken zugute.
Der Subkontinent mit seinen über eine Milliarde Einwohnern ist heute ohne Tata kaum mehr vorstellbar. Inder tragen Tata-Uhren, trinken Tata-Tee, telefonieren mit dem Telekom-Anbieter Tata und übernachten in Tata-Hotels. Demnächst sollen sie auch noch mehr Auto fahren: mit einem indischen Volkswagen namens "Nano" für umrechnet 1 700 Euro, made by Tata.
In vier Jahren will der Konzernherr in Rente gehen. Bis dahin wird der Tata-Umsatz durch die Übernahme von Jaguar und Land Rover, aber auch des niederländisch-britischen Stahlkonzerns Corus vor gut einem Jahr einen großen Sprung tun. Den Abgang fürchten die Mitarbeiter und die Aktionäre. Denn einen Tata junior wird es nicht geben. Ratan Tata ist Junggeselle, kinderlos - und teilt sich die Wohnung mit seinen Schäferhunden Tito und Tango.
Weitere Informationen zum Thema bei wiwo.de:
» „Noble Zurückhaltung auf indischen Websites über Tatas Coup“ – eine Luxusmarken-Übernahme.
» „Der Gentleman“ – die Geschichte von Ratan Tata.
