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15.05.2008 
Martin Kohlhaussen

Der stille Macher zog der Cobra die Zähne

von Robert Landgraf

Für Martin Kohlhaussen sind die Stunden gezählt. Mit der heutigen Hauptversammlung beginnt sein letzter Arbeitstag an der Aufsichtsratsspitze der Commerzbank. Mit 72 Jahren tritt damit einer der letzten Bankiers vom alten Schlag ab. Bis 2001 hatte er die Frankfurter Großbank selbst geführt – und erlebte so manche harte Stunde.

Martin Kohlhaussen hat Krisen und Störfalle immer als Chance gesehen. Foto: dpa

Martin Kohlhaussen hat Krisen und Störfalle immer als Chance gesehen. Foto: dpa

FRANKFURT. Mit 72 Jahren tritt einer der letzten Bankiers vom alten Schlag ab und übergibt das Amt an Klaus-Peter Müller, seinen ehemaligen Nachfolger an der Vorstandsspitze der Frankfurter Großbank, die Kohlhaussen selbst von 1991 bis 2001 führte.

Wie der Zufall es will: Gerade in jenen Phasen, in denen Kohlhaussen kurz davor ist, eine Schlüsselposition in der Commerzbank zu verlassen, versucht das Institut, einen nationalen Bankenchampion zu schaffen. Oder ist es gar Bestimmung? Jedenfalls war das so im Jahr 2000, als die damaligen Chefs von Commerzbank und Dresdner Bank, Kohlhaussen und Bernd Fahrholz, nach wochenlangen Fusionsverhandlungen das klägliche Scheitern einräumen mussten. Die Branche stand vor einem Scherbenhaufen – kurz zuvor war bereits der geplante Zusammenschluss von Deutscher Bank und Dresdner Bank geplatzt.

So schlimm muss es diesmal bei den Sondierungsgesprächen zwischen der Commerzbank und der Postbank sowie zwischen Commerzbank und Dresdner Bank nicht unbedingt kommen. Sogar die wilde Kombination einer Fusion zwischen Commerzbank, Dresdner Bank und Postbank schließen Insider nicht aus. Am Ende aber könnte doch wieder ein Scheitern stehen. Das würde Kohlhaussen dann als Rentner erleben.

Eigentlich sind Fusionen und Großmannssucht ohnehin nicht Kohlhaussens Sache. Das Leben des in Marburg an der Lahn geborenen Hessen ist geprägt von Pflichtbewusstsein. Kohlhaussen ist von einer protestantischen Leistungsethik im Sinne des Soziologen Max Weber durchdrungen, was wohl auch mit seiner Kindheit als Sohn eines Pfarrers zu tun hat. Für „gutes Geld“ schuftete er nach dem Abitur sogar ein Jahr unter Tage. Von seiner Einstellung zu Disziplin und Zuverlässigkeit, zu ehrlicher Arbeit rührt auch seine grundsätzliche Abneigung gegen Fusionen.

Nicht umsonst ging der hoch gewachsene, schlanke „Mann der leisen Töne“ ein Netz von kleinen Überkreuzbeteiligungen mit europäischen Kooperationspartnern ein. Die Wahlverwandtschaften mit Adressen wie Credit Lyonnais, Banca Commerciale Italiana und Banco Central Hispanoamericano waren als Schutz vor feindlichen Übernahmen gedacht, zerfielen aber Anfang des 21. Jahrhunderts. Übernommen wurde die Commerzbank immerhin nicht – und so konnte Kohlhaussen seinem „Nutzen-Inkasso“ treu bleiben: „Alles, was die Commerzbank tut, muss Nutzen bringen, Kapital darf in voreiligen Fusionen nicht verplempert werden.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Harte Stunden

Dabei sah es für den Bankier im Jahr 2000, seinem letzten vollen Jahr als Vorstandschef der Commerzbank, gar nicht rosig aus. Dem gelernten Bankkaufmann waren Fantasy-Storys von Analysten, Börsen und Investmentbankern immer ein Gräuel, verschont davon blieb er nicht. Die Aktionärsgruppe Cobra brachte sein Lebenswerk in Gefahr. Mit einem 17-prozentigen Aktienpaket im Rücken plante die Cobra-Gruppe unter Führung des Ex-Dresdner-Bank-Vorstands Hansgeorg Hofmann, „die kleinste deutsche Großbank in die Arme eines starken Partners zu führen“.

Aber nicht mit Kohlhaussen! Dünnhäutig, jedoch letztlich erfolgreich stemmte er sich gegen die Großanleger: „Mit Forderungen wie: „,Nun verkaufen Sie doch endlich Ihre Beteiligungen! Machen Sie Geld! Das bringt den Kurse nach oben!’“ könne er als „verantwortungsbewusster Bankchef“ nichts anfangen, skizzierte Kohlhaussen seinen Standpunkt.

Trotz des Siegs über Cobra – dem Pfarrerssohn mit einem Faible für historische Romane, Bach-Sinfonien und Golf blieben Niederlagen nicht erspart. So war die Commerzbank einer der Hauptgläubiger des Vulkan-Werftenverbunds, der 1996 pleiteging. Harte Stunden erlebte Kohlhaussen auch bei zwei Anleihen des niederländischen Flugzeugherstellers Fokker. Als die Mutter Daimler-Benz AG Anfang 1996 Fokker den Geldhahn zudrehte und die Bonds wertlos wurden, trafen Massenproteste den Konsortialführer Commerzbank. Für negative Schlagzeilen sorgte die Commerzbank darüber hinaus im Februar 1996, als ein Großaufgebot von 250 Staatsanwälten und Steuerfahndern die Frankfurter Zentrale und mehrere Filialen heimsuchte, um Steuerbetrügern auf die Schliche zu kommen.

Doch der „schattenhaft diskrete“ Kohlhaussen, „stiller Macher“ mit ungeheurer Energie, hat Krisen und Störfälle immer auch als Chance gesehen, die Commerzbank voranzubringen. Er war nie ein Visionär und wollte es auch nicht sein. Sehr viel hingegen hielt der Bankier alten Schlages von Menschen, die ihr Handwerkzeug beherrschen. Kohlhaussen beherrschte es in- und auswendig.

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