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05.05.2008 
Google-Chefjustiziar

Der stille Stratege

von Axel Postinett

David Drummond scheut das Rampenlicht, der Chefjustiziar des Suchmaschinenbetreibers Google arbeitet lieber im Hintergrund. Aber wenn er mal öffentlich redet, dann hört jeder genau zu im Silicon Valley.

MOUNTAIN VIEW. Ein Polizist hätte ihnen beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht. Um drei Uhr nachts standen sie auf dem Parkplatz eines Restaurants im kalifornischen Redwood City. Sie tauschten einige Papiere aus, als ein Streifenwagen in sicherer Entfernung stoppte und seine Scheinwerfer auf zwei Männer richtete: einen jungen Asiaten und einen hochgewachsenen Schwarzen in Jeans und mit Baseballkappe.

Der Polizist nahm sie über seinen Außenlautsprecher ins Kreuzverhör. Er vermutete, zwei Drogenhändler erwischt zu haben. Doch was nach einem illegalen Geschäft aussah, war die Vorbereitung eines großen Deals, der kurze Zeit später das Silicon Valley erschütterte: die Übernahme des Videoportals Youtube durch den Suchmaschinenbetreiber Google.

Der Polizist hatte David Drummond, Google-Chefjustiziar, und Gideon Yu, Youtube-Finanzvorstand, ertappt, als sie im vergangenen Herbst auf einem Parkplatz letzte Details des Milliardenkaufs regelten.

So zumindest schildert das Szenemagazin für die Internetbranche „Valleywag“ die finalen Verhandlungen zwischen Google und Youtube. Und das ungewöhnliche Vorgehen würde auch passen zu David Drummond. Er ist die graue Eminenz hinter Google-Chef Eric Schmidt.

Stets ist der Jurist auf Diskretion aus, geht aber durchaus auch hemdsärmelig zur Sache. Als Chief Legal Officer übernimmt er die Detailarbeit bei allen Deals. Doch sein Rat entscheidet auch darüber, ob ein Geschäft überhaupt zustande kommt.

Auch jetzt wieder, falls das Unternehmen in den kommenden Tagen bekanntgeben sollte, dass es für den Konkurrenten Yahoo die Suchmaschinenwerbung übernimmt und damit seine Dominanz im Netz ausbaut. Schon allein die Ankündigung reichte aus, um den Softwarehersteller Microsoft zu verunsichern und dem Konzern ein Argument zu liefern, die geplante Yahoo-Übernahme abzusagen.

Microsoft-Chef Steve Ballmer hat sein Angebot an Yahoo am Wochenende überraschend zurückgezogen und dies mit Preisdifferenzen begründet. Doch für Branchenkenner ist klar: Wenn Microsoft im Online-Werbemarkt Fuß fassen und zu Google aufschließen will, kann es eine Yahoo-Google-Kooperation nicht gebrauchen.

Kommt diese jetzt auch wirklich zustande, oder war die Ankündigung nur dazu gedacht, Microsoft von Yahoo abzubringen? Derzeit steht nur eines fest: David Drummonds Urteil wird dabei eine große Rolle spielen. Der Mann ist stets dabei, wenn Google-Chef Schmidt wichtige Entscheidungen trifft.

Nur in der Öffentlichkeit, da taucht Drummond kaum auf. Er arbeitet lieber im Hintergrund. Interviewanfragen lehnt er stets ab.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sein Wort hat Gewicht

Einen seiner wenigen öffentlichen Auftritte absolvierte er im Februar, als die Pläne für die Yahoo-Übernahme durch Microsoft bekanntwurden. Nach Tagen des Schweigens war es Drummond, der im Namen von Google erklärte: Es wäre „eine Gefahr für das gesamte Internet“, wenn Microsoft seine unlauteren Praktiken vom PC auf das Web ausbreiten könnte. Das saß. Und Drummond tauchte wieder ab.

Dabei muss er sich nicht verstecken im Silicon Valley. Wo man ihn kennt, ist er anerkannt – für sein fachliches und auch sein soziales Engagement. „David hat einen hervorragenden Ruf hier“, sagt John Riccitiello, Chef des Videospielekonzerns Electronic Arts, „sein Wort hat Gewicht.“ Google-Mitarbeiter in Mountain View beschreiben Drummond als „ausgesprochen smart und einen blitzschnellen Denker“.

Der Mann gehört zur neuen Kaste von Anwälten, die das High-Tech-Amerika regieren. Welchen halbwegs bedeutenden strategischen Schachzug Riesen wie Google, Microsoft, Oracle, Cisco oder eBay machen – nichts passiert ohne die Chefjuristen. Viele dieser Elite-Juristen, darunter auch Drummond, kommen von der Stanford-Universität in Palo Alto. Larry Kramer, Dekan der Stanford Law School, erinnert sich gut an Drummond: „Wir sind hier sehr stolz auf ihn“, sagt er auf Anfrage, „er ist ohne Zweifel einer unserer Besten.“

Der Jurist kennt Google noch aus der Gründungsphase. 1998 half er als junger Anwalt bei der Großkanzlei Wilson Sonsini Goodrich & Rosati den Studenten Larry Page und Sergey Brin beim Aufbau des Unternehmens. 2002 wechselte er zu Google. „Leider“, wie Kanzlei-Chairman Larry Sonsini sagt. Mit seinem „gesunden Urteilsvermögen“ hätte dem „herausragenden“ Anwalt der Weg zum Partner offengestanden.

Nur einmal hat ihn sein Urteilsvermögen offenbar im Stich gelassen – beim Börsengang Googles, als dessen Vater Drummond gilt. Durch den unorthodoxen Aktienverkauf an den Wall-Street-Banken vorbei hatte Google sich mächtige Feinde gemacht. Drummond hatte alle Hände voll zu tun, das Sperrfeuer der Banker abzuwehren. Und dann holte ihn auch noch seine Vergangenheit ein.

Als Finanzvorstand der Softwarefirma Smartforce soll er geholfen haben Umsätze falsch zu verbuchen. Der Skandal eskalierte, die US-Börsenaufsicht SEC leitete Ermittlungen ein. Brin und Page hatten zuvor laut getönt, eine ethisch einwandfreie Firma führen zu wollen. Würden sie Drummond nun opfern?

Die Lösung war salomonisch. Der Google-CEO Schmidt, nicht die Gründer, sprach dem Juristen sein Vertrauen aus. Drummond zahlte zudem – ohne Schuldanerkenntnis – fast 700 000 Dollar an die Börsenaufsicht. Sein Anwalt: „Rückblickend räumt mein Mandant ein, er hätte sein Amt besser ausüben können, wenn er eine kaufmännische Ausbildung gehabt hätte.“

Die hat er nicht, dafür aber eine Promotion in Rechtswissenschaft. Und demnächst wird er wohl wieder ganz tief in juristische Feinheiten einsteigen müssen, falls es eine Senatsanhörung zu der Frage geben sollte: Warum ist eine Allianz aus Google und Yahoo für den Wettbewerb förderlich? Bislang sind Kartellexperten noch nicht davon überzeugt.

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