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20.08.2008 
Rätselraten über Rücktrittsgründe

Des Müllers Lust

von Markus Hennes und Daniel Goffart

Evonik-Chef Werner Müller wirft die Brocken hin – obwohl sein Vertrag noch bis 2011 läuft. Selbst gute Kenner des Konzerns zeigten sich total überrascht. Was ist bloß schiefgelaufen, dass sich der 62-Jährige vorzeitig aufs Altenteil zurückzieht?

Will nicht länger Evonik-Chef sein: Werner Müller. Foto: apLupe

Will nicht länger Evonik-Chef sein: Werner Müller. Foto: ap

DÜSSELDORF/BERLIN. „Müller tritt zurück – Evonik-Kurs stürzt ab.“ Diese Schlagzeile hätte Werner Müller, Vorstandsvorsitzender von Evonik, bestimmt geschmeichelt – wenn der Essener Mischkonzern tatsächlich und wie lange geplant in diesem Sommer an der Börse gestartet wäre.

Doch auch so ist die Nachricht eine Sensation. Selbst gute Kenner des Konzerns zeigten sich total überrascht, als gegen Mittag die ersten Gerüchte die Runde machten, der Ex-Bundeswirtschaftsminister verlasse das Industrieunternehmen, das aus dem Bergwerksbetreiber RAG hervorging. Denn Evonik ist Müller, Müller ist Evonik.

„Ich kann es einfach nicht glauben“, sagte ein Betriebsrat des Konzerns. Auch den neuen Eigentümer, der britische Finanzinvestor CVC Capital Partners, dürfte der Rücktritt überrascht haben: Gerade erst hat Evonik mit ansprechenden Geschäftszahlen unterstrichen, dass der Konzern in der Lage ist, konjunkturelle Schwächephasen zu meistern.

Was ist bloß schiefgelaufen, dass sich Müller, 62, vorzeitig aufs Altenteil zurückzieht? Gab es Krach mit dem Aufsichtsrat über Zukäufe oder andere wichtige Entscheidungen? Denn schließlich steht der passionierte Zigarilloraucher und Liebhaber edlen französischen Rotweins noch am Anfang seiner zweiten Amtszeit als Evonik-Chef. Müllers Vertrag war erst im Sommer 2007 bis Mitte 2011 verlängert worden.

Doch nun ist nicht erst mit 65, sondern bereits Ende dieses Jahres Schluss. Ab Januar 2009 rückt Klaus Engel, 52, seit 2006 im Evonik-Vorstand verantwortlich für die größte Konzernsparte Chemie, an die Spitze. Eine Zäsur.

Rückblende: Im Juni 2003, bei seinem Amtsantritt in Essen, verkündet Müller seinen kühnen Plan: Aus der RAG will er ein „strotznormales Unternehmen“ machen. Dafür soll die ehemalige Ruhrkohle in zwei Teile aufgespalten werden: den Bergbau, der auf staatliche Rechnung Steinkohle fördert – und einen leistungsstarken Industriekonzern, um den sich nach einem radikalen Umbau private Investoren reißen.

Eigentümer beider Unternehmen soll nach Müllers Plan eine neue private Stiftung werden. Diese soll Schritt für Schritt Anteile des Industriekonzerns verkaufen. Gegen starke Widerstände im eigenen Unternehmen, bei den damaligen RAG-Aktionären Eon, RWE und Thyssen-Krupp sowie in der Politik setzt der Mann mit der tiefen Stimme sein Stiftungsmodell durch. Doch der Name RAG schreckt Investoren ab. Im September 2007 erhält der Industriekonzern den Kunstnamen Evonik. Nichts soll in Zukunft mehr an die Verschwendung von Steuergeldern und politischen Einfluss erinnern.

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