Als der damalige Konzernchef dann doch abtreten musste, lotete Cruz zunächst ihre Chancen aus, selbst an die Spitze der Investmentbank zu rücken. Im kleinen Führungskreis soll sie den Verwaltungsrat sogar aufgefordert haben, niemanden zu ernennen, der ihr nicht das Wasser reichen könne. Das Gremium entschied sich jedoch gegen sie und holte den früheren Spitzenmanager John Mack zurück.
Cruz stand somit zunächst ohne Rückhalt da. Sie suchte jedoch nicht das Weite, sondern blieb im Vertrauen auf ihre Erfolgsbilanz bei der Firma, bei der sie 1982 ihre Karriere begonnen hatte. Ihre Rechnung ging auch deshalb auf, weil Morgan Stanley
mit Mack jenen Manager zum neuen Chef kürte, der während der 90er-Jahre der Mentor von Cruz war.
Mack hielt an der Handelsspezialistin fest und bestätigte sie in der Position, in die sie bereits von Purcell befördert worden war. Auch als Starbanker wie Vikram Pandit sich weigerten, mit Cruz zusammenzuarbeiten, blieb der neue Morgan-Chef hart und stellte sich hinter seinen Zögling. Pandit und andere kehrten deshalb nicht zu Morgan Stanley
zurück.
Die Rückkehr von Mack und die von ihm angestoßene Kulturrevolution bei Morgan muss Cruz wie eine Befreiung empfinden. Setzt der heutige Konzernchef doch vor allem darauf, dass die Investmentbank mehr Risiken eingeht, um wieder Anschluss an den Branchenprimus Goldman Sachs zu finden. Das ist ganz nach dem Geschmack der Händlerin Cruz. "Wir müssen mehr Risiken übernehmen als in der Vergangenheit", sagte sie im vergangenen Jahr auf einem Bankenkongress in Europa. Nicht genügend Risiken einzugehen, sei das allergrößte Risiko. Eine Aussage, die Purcell wohl kaum unterschrieben hätte.
Nicht nur im Beruf, auch privat entspricht Cruz ganz dem Image der "Power-Frau". Die Mutter von drei Kindern ist mit Ernesto Cruz verheiratet, der als Chef des Bereichs Equity Capital Markets bei der Großbank CSFB ebenfalls zu den "Power-Playern" an der Wall Street gehört. Für Freizeit bleibt da wenig Raum. "Mein Sozialleben pendelt um den Nullpunkt herum", räumt sie ein. Unzufrieden ist die Bankerin damit jedoch nicht. "Für mich bemisst sich der Erfolg daran, wie glücklich man ist", sagt Cruz.
Wall Streets Nummer zwei
Die Bank: Morgan Stanley
ist nach Goldman Sachs die Nummer zwei unter den Investmentbanken an der Wall Street. Geführt wird das Finanzhaus seit dem vergangenen Jahr von John Mack, der den damals geschassten Philip Purcell abgelöst hat. Anders als Goldman verfügt Morgan neben dem Handelsgeschäft und dem InvestmentBanking auch noch über eine Brokersparte. Das Kreditkartengeschäft Discover soll dagegen im neuen Jahr abgespalten werden.
Das Comeback: Konzernchef Mack hat die Bank nach seiner Rückkehr wach gerüttelt und darauf getrimmt, mehr Risiken einzugehen. So hat Morgan zum Beispiel für mehr als eine Mrd. Dollar eine Reihe von Hedge-Fonds übernommen, um seinen vermögenden Kunden bessere Renditen bieten zu können. Zudem nimmt die Bank mehr eigenes Kapital in die Hand, um sich direkt an Unternehmen zu beteiligen.
Die Zahlen: Mit einem Nettogewinn von 2,21 Mrd. Dollar überraschte die Bank im abgelaufenen Quartal positiv. Trotzdem hinkt die Gewinnentwicklung hinter der Konkurrenz her. Sparten wie das Brokergeschäft bremsen.
