Der promovierte Ökonom Esser ist indes bei seiner kommerziellen Strategie weniger technikgetrieben als der Techniker Lombard von France Télécom: Dieser erlitt mit seinem Konvergenz-Telefon „Unik“ sowie dem hochgelobten iPhone von Apple beim Absatz in Frankreich jeweils eine Bauchlandung. „Ich glaube nicht so recht an Konvergenzprodukte“, sagt Esser, „ich glaube aber sehr wohl an Servicekonvergenz; sprich, dass Kunden Dienste und Services von überall zum besten Preis nutzen wollen.“ So verkaufte Esser auch ohne iPhone mit Erfolg neue Abos, die unbegrenztes, mobiles Online-Surfen erlauben.
Esser hat so seine persönlichen Erfahrungen mit der schon hundertmal vorhergesagten Konvergenz von Telekom und Medien. Denn es war Ex-Vivendi-Chef Jean-Marie Messier, der ihn persönlich bei Mannesmann abgeworben hatte, als der deutsche Traditionskonzern von den Briten gekauft worden war. Und Messiers Vision war es bekanntlich, Vivendi zum integrierten Telekom- und Medienriesen aufzubauen. Das Ende ist bekannt: Vivendi ging fast pleite, und Messier flog raus.
„Heute versuchen wir bei Vivendi, Synergien nicht mehr zu erzwingen“, berichtet Esser von der Nach-Messier-Ära. So muss SFR zum Beispiel nicht exklusiv die Lieder der Vivendi-Tochter Universal per Download anbieten, sondern kann sich selbst die interessantesten Musik-Kataloge aussuchen. Dennoch hält auch Esser an der Vision fest, Telekom- und Medienaktivitäten unter einem Dach zu bündeln: „Das erlaubt uns ein besseres Verständnis der anderen Märkte.“
Denn auch SFR ist auf der Suche nach neuen Einnahmequellen wie Downloads von Musik und Filmchen per Handy. Die Zeiten der garantierten Gewinnsteigerungen sind im Mobilfunk vorbei. „Das weitere Wachstum wird moderat sein, allein wegen des Drucks des Regulierers“, prognostiziert Esser. Im Jahr 2007 ging der Gewinn vor Zinsen und Steuern bei SFR um 2,6 Prozent auf immer noch üppige 2,5 Mrd. Euro zurück. Damit liefert Essers Einheit mehr als die Hälfte des Konzernergebnisses.
Angesichts der mauen Wachstumsaussichten lautet Essers Devise „Umsatzwachstum ohne Kostenwachstum“. So hat sich der Deutsche schon mit den französischen Gewerkschaften angelegt, weil er das Call-Center außer Landes verlegt hat. Der Weg, über Auslandskäufe in Schwellenländern das Wachstum anzukurbeln, bleibt dem SFR-Chef indes verbaut. Denn der Mobilfunker gehört zu 44 Prozent der britischen Vodafone; „und der Aktionärspakt verbietet uns, im Ausland zuzukaufen“, erläutert Esser.
Mit der Integration der Festnetzgesellschaft Neuf hat der zweifache Vater aber auch so schon alle Hände voll zu tun, um Platzhirsch France Télécom nach Kräften zu ärgern. Esser ist in Paris mit seiner Familie richtig heimisch geworden; auf Pressekonferenzen antwortet er den Journalisten mittlerweile souverän auf Französisch, obwohl er bei seinem Start bei SFR im Jahr 2000 die Sprache noch nicht beherrschte. Und selbst die Deutsche Telekom konnte ihn nicht in seine alte Heimat, das Rheinland, zurücklocken, als sie ihm vor Jahren einmal die Leitung der Telekom-Festnetzsparte anbot.
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