1995 beispielsweise rückte Overath mit jeder Menge Luftballons und einem Kaffeebauern aus Lateinamerika vor der Tchibo-Zentrale in Hamburg an, um den Bossen zu zeigen, dass es Zeit sei, an die Armen zu denken, von deren Arbeit sie profitierten. Die Polizei schritt ein, es kam zu einem Dialog über das Anliegen.
Ein gutes Jahrzehnt später ist Tchibo Lizenznehmer - und überhaupt habe sich die Mentalität gewandelt, sagt Overath, Fairtrade-Produkte seien in ihrer Anmutung heute attraktiver für größere Schichten. Overath persönlich setzt sich gegenüber Saftherstellern und Schokoladenhändlern dafür ein, dass Packungen nicht weltanschauliche Klischees bedienen, sondern Käufer locken. Das Kalkül: "Menschen müssen im Supermarkt nichts Besonderes leisten, sondern ein attraktives Produkt auswählen - und tun so etwas Gutes." Doch ob das alles wirklich so gut ist?
Als Transfair im vergangenen Jahr eine Kooperation mit Lidl verkündete, regte sich der Protest aus linken Lagern. In den Regalen des umstrittenen Discounters findet man heute diverse Produkte mit Fairtrade-Label, ein Deal von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung für den Verein und die Ethik-Produkte. Doch viele Weltbewegte sehen in dem Vertrag ein Feigenblatt, Transfair verhelfe den vermeintlichen Manchester-Kapitalisten aus Süddeutschland zu positivem Image.
Overath, der sich selbst als "Zaungast der 68er" bezeichnet, weiß um den Widerspruch, doch er folgt seiner Linie: "Ich war nie hauptamtlicher Weltverbesserer", sagt er. "Betroffenheit alleine nützt nichts, wir müssen Alternativen anbieten." So knüpft er unablässig Kooperationen mit Engagierten in Firmen, Politik und Gesellschaft. Jetzt schenkt zum Beispiel Air Berlin
fair gehandelten Kaffee aus - wieder ein Meilenstein, findet Overath.
Die Geschäfte mit dem Gewissen gehen voran. Neben dem Flatscreen auf Overaths Büroschreibtisch liegt eine ausgedruckte Liste, gerade frisch von seinem Team zusammengestellt. Sie zeigt die Messeauftritte von Transfair im Jahr 2008. Auf allen großen Lebensmittel-, Mode- und Verbrauchermessen ist Overath präsent, in den ersten drei Wochen des Jahres war er auf drei Ausstellungen. "Es ist eine gewaltige Herausforderung, Kompetenz in all diesen Produktbereichen zu zeigen", sagt Overath. Doch er ist zuversichtlich, schließlich hat er, wie sein Lebenslauf zeigt, große Routine mit der Flexibilität.
Lesen Sie weiter auf Seite 6: Zur Person Dieter Overath
