Einst war Dirk Manthey mit seiner Verlagsgruppe Milchstraße ein Star der Medienbranche. Nun versucht er mit einem Onlinedienst sein Comeback als Medienunternehmer.
HAMBURG. Vor der imposanten weißen Villa an der Hamburger Außenalster liegt ein Anzugträger auf einer Bank. Sein Gesicht bedeckt das "Wall Street Journal", er scheint zu schlafen. "Between Appointments" heißt die bronzene Plastik von J. Seward Johnson.
Ein Blick gen USA: Zeitungen nur noch als Dunkelheitsspender beim Nickerchen? Das passt zum Hausherren, der den Gast im blauen Polo-Hemd, weißen Jeans und Nike
-Turnschuhen begrüßt: "Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwann überhaupt keine gedruckten Zeitungen mehr geben wird. Beispielsweise unsere 14-jährige Tochter liest außer Tokio-Hotel-Heften alles im Internet."
Das sagt einer, der sich Haus und Kunst leisten kann, gerade weil er viel Gedrucktes verkauft hat. Sein Name ist Dirk Manthey, und er ist eine durchaus schillernde Figur der deutschen Verlagsszene.
Oder muss man sagen: Er war es?
Mit Zeitschriften wie "Cinema", "TV Spielfilm", "Max" und "Fit For Fun" machte er seine Verlagsgruppe Milchstraße zu einem bewunderten Unternehmen mit bis zu 251 Millionen Euro Umsatz. Als begnadeter Blattmacher galt er, bekannt auch für Wutausbrüche, wenn Mitarbeiter mit seinem Denktempo nicht mithielten.
Doch die Anzeigenkrise nach dem Platzen der New-Economy-Blase setzte den bunten Blättern zu. Der Rivale Burda, der sich über einen Umweg in der Milchstraße eingekauft hatte, drängte Manthey Stück für Stück aus seinem Unternehmen.
Heute ist die Milchstraße zerlegt und auf Winzigkeit geschrumpft, jüngst wurden sogar die bemalten Kuh-Statuen versteigert, die einst vor der Zentrale standen.
Nach Mantheys Abgang ging sein Name in der Szene eine amorphe Verbindung mit dem Wort "Malibu" ein. Dort, am kalifornischen Strand, besitzt er ein Haus, nur im Sommer und zu Weihnachten reist er mit Familie in die Heimat. "Auch ein Unternehmer hat ein Recht auf Faulheit", zitierte ihn 1991 die "Wirtschaftswoche" und ergänzte, im Kofferraum seines Porsches lägen immer Tennis- und Golfschläger parat. "Part-time-Workaholic" nennt er sich selbst. "Manthey liegt am Strand von Malibu" - so stellte es sich die Medienbranche vor.
Und nun ist er wieder da. Am 14. Juli soll Meedia starten, ein Onlinedienst für eben jene Medienzunft. Zunächst in einer öffentlichen Testphase: "Richtig los geht es erst im September. Wir denken auch über eine englische Version nach."
Manthey sieht sich der Zeit voraus. Deutschland hänge in Sachen Internet zurück hinter den USA, so zwei bis drei Jahre. Überhaupt: Amerika. Um seinen Erstwohnsitz kommt man nicht umhin, wenn man Manthey trifft. Im Garten steht eine Skulptur von Marilyn Monroe, in der Eingangshalle und dem Wintergarten paaren sich Palmen mit bunten Kissen - California Dreaming an der Außenalster. Kein Wunder, dass Manthey selbst eine wöchentliche Rubrik über US-Medientrends auf Meedia bestücken wird.
Leicht gebräunt sitzt er im weißen Design-Ledersessel im Wintergarten seines Hauses, öffnet eine Dose Cola Zero und betont die eigene Entspanntheit vor dem Start des neuen Projektes: "Mir macht es Spaß, wieder unternehmerisch unterwegs zu sein." Und: "Ich will kein Imperium aufbauen, sondern schöne Objekte gründen." Weitere Projekte habe er schon im Kopf, mag sie aber noch nicht verraten. Erst mal sei die Zeit reif für Meedia, denn "gedruckte Fachzeitschriften werden irgendwann nicht mehr gebraucht." Meedia werde operativ flott in die schwarzen Zahlen kommen, wobei Gewinne nicht das Entscheidende seien.
Doch kann einer wie Manthey das: sich auf Kleines bescheiden? Vielleicht ist es verräterisch, wenn er sagt: "Ich bin sportlich und will daher gewinnen."
Viele in der Medienszene schauen mit einer Mischung aus Respekt und branchenüblichem Zynismus auf Meedia. Schon immer kündigte Manthey mehr Projekte an, als er realisierte, sogar eine Zeitung wollte er einst machen. Bei anderen mischt sich Angst in den Gefühlscocktail. Denn der ehemalige Herr der Milchstraße hat sich nicht nur Freunde gemacht, erst recht nicht beim Ex-Partner Burda. Meedia aber soll keine offenen Rechnungen begleichen, das betont der 54-Jährige immer wieder im Gespräch. Medien faszinierten ihn eben. Und vielleicht juckt es ihn immer noch, dass sein in den 80ern gegründetes Branchenblatt "Neue Medien" zwar viel Lob einheimste, wirtschaftlich aber erfolglos war.
Und wie ist es nun, dieses Meedia? Fahren wir zur Klärung dieser Frage in eine weniger edle Nachbarschaft Hamburgs. Das Schanzenviertel ist eine Gegend, in der jeder ein wenig abgerissen wirkt. Die einen, weil sie es sind, die anderen, weil sie sich für viel Geld den Anschein verleihen - "die Schanze" ist hip. Die Zerrissenheit des Viertels demonstriert die alte Pianofortefabrik in der Straße mit dem schrägen Namen "Schulterblatt". Vorne ist es schäbig - hinten chic. Einst residierte hier die Multimediaagentur Kabel New Media, das Reich von Peter Kabel - auch so einer, der umjubelt und dann von der stürzenden New Economy nach unten gerissen wurde.
Im ersten Stock der alten Werkshalle steht eine Tür offen, klingeln nicht nötig. Dahinter tippen zwei Handvoll Menschen unter dicken Balken in einem Großraumbüro - Start-up-Atmosphäre. Bis zu 15 Redakteure sollen hier einmal arbeiten.
Die Chefs über das Tagesgeschäft heißen Martin Fischer und Georg Altrogge. Beide sind alte Mitstreiter Mantheys: Der sonnig-joviale Fischer war seine rechte Hand in der Milchstraße - nun kümmert er sich ums Anzeigengeschäft; der stille Altrogge leitete einst die Milchstraßen-Zeitschrift "Tomorrow" - er zeichnet als Chefredakteur. Beide sind auch Gesellschafter bei Meedia: Fischer hält 35 Prozent, Altrogge 14, Manthey 51. Vielleicht muss man so sein, wenn man in der Nähe eines menschgewordenen Brennstabs wie Manthey überleben will: Entweder überbordend fröhlich - oder stoisch zurückhaltend. "Es ist besser, ihn zu kennen, wenn man mit ihm arbeitet", formuliert es Altrogge.
Beide berichten nur Positives vor dem Meedia-Start. Das Anzeigengeschäft laufe bestens, die Redaktion sei bereit. Sogar die Technik stehe - endlich. Sie bereitete reichlich Probleme: Eigentlich hätte Meedia vor einem Jahr online gehen sollen.
Die Optik der neuen Seite ist kühl und zurückhaltend. Im Gegensatz zur Konkurrenz bietet sie erheblich mehr Videoinhalte - fremde Filme allerdings. An den klug gemachten, statistischen Funktionen werden sich zahlenliebende Verlagsmanager ergötzen: Auflagen und Reichweiten lassen sich so leicht arrangieren, wie nirgends sonst im Web.
Auch kümmert sich keiner der Rivalen derart intensiv um ausländische Medienmärkte: "Verlage bekommen ihre Strategien fast alle von den gleichen Beratungen. Das hat zu weltweit gleichen Sparritualen geführt", sagt Altrogge. Somit seien Nachrichten aus der "Los Angeles Times" so wichtig wie jene aus dem Verlag der "Berliner Zeitung". Exklusivmeldungen würden eine eher untergeordnete Rolle spielen: "Exklusivität versandet zu schnell", meint der Chefredakteur.
Kann Meedia gelingen? Eine Chance am Markt hat der Dienst, glaubt ein ehemaliger "Bild"-Chefredakteur: "Wer die schlauesten Inhalte hat, wird am Ende die Nase vorn haben." Und die Verantwortlichen werfen gerne die Vorbilder aus den USA ein: die Polit-Plattform Huffington Post oder den Web-Dienst Techcrunch. Auch hier haben die Gründer Angebote entworfen, die sie selbst am Markt vermisst haben - so wie Manthey es sein Leben lang getan hat.
Ja, Amerika. Am Ausgang des Redaktionsgroßraums hängt ein Ölbild des New Yorker Times Square. Das Land der Träume gerät im Reiche Mantheys eben nie aus dem Blickfeld.
Dirk Manthey
1954
wird er in Hamburg geboren.
1975
bricht er sein BWL-Studium „wegen Langeweile“ ab. Er startet die Filmzeitschrift „Cinema“ mit einer Investitionsspritze der Filmförderungsanstalt Berlin. Es folgen Blätter wie „Neue Medien“ und „Video Markt“.
1989
verkauft er 74,9 Prozent seines Verlags an die italienische RCS Editori und gründet die Verlagsgruppe Milchstraße.
1990
erscheint erstmals „TV Spielfilm“. In den Jahren darauf folgen „Max“, „Fit For Fun“ und „Amica“.
1995
kauft sich Burda bei RCS ein und wird Großgesellschafter der Milchstraße.
2003
drängt Burda Manthey stückweise aus dem Verlag, nachdem der Niedergang der New Economy und das Platzen der Börsenblase das Anzeigengeschäft der Milchstraße einbrechen ließ.
