Theoretisch hätte sich Tobias Merckle also auf die faule Haut legen können. Doch das war für ihn nie eine Option.
"Wir sind als Christen berufen, Verantwortung zu übernehmen", sagt der gläubige 37-Jährige. Das Thema Verantwortung wurde ihm und seinen drei Geschwistern von den Eltern mitgegeben. Seine beiden älteren Brüder Ludwig und Philipp Daniel haben Verantwortung in der Unternehmensgruppe der Familie übernommen. Tobias Merckle hat seinen eigenen Weg gewählt. "Es ging mir nicht darum, anders zu sein, sondern ich habe mir die Frage gestellt: Wo bringe ich mich und meine Gaben und Fähigkeiten am besten ein?"
Auch Zufälle haben die Antwort darauf beeinflusst. Mit 16 liest Tobias Merckle ein Buch über die Arbeit mit Straßen-Banden in New York, das sein Interesse weckt. Später kommt er selbst sehr unmittelbar in Berührung mit Kriminellen. Als dritter Sohn der Familie wird er von Wehr- und Zivildienst befreit. Doch statt es sich gemütlich zu machen, "habe ich mir vorgenommen, die Zeit zu nutzen" - für ein soziales Jahr in einer US-Einrichtung für Drogenabhängige. Dabei lernte er auch den Strafvollzug kennen.
Das prägt. Seine Motivation, "denen zu helfen, die aus der Gesellschaft geflogen sind", begründet er auch mit der Erfahrung in den USA, "wo ich gesehen habe, wie andere aufgewachsen sind und was es wert ist, Eltern zu haben, die einem Liebe geben. Mir ist aufgegangen, dass das ganz und gar nicht selbstverständlich ist." Merckle entschließt sich, Sozialpädagogik zu studieren. Während des Studiums arbeitet er immer wieder in Gefängnissen und sieht sich internationale Projekte an.
Wie das bei den Eltern ankommt? "Ihr Wunsch war ein anderer, aber es wurde akzeptiert und voll unterstützt." Wenn es um ihn und seine Familie geht, fallen seine Antworten kurz aus. Viel lieber spricht Tobias Merckle über das, worauf er sich 13 Jahre lang vorbereitet hat und was im November 2003 Wirklichkeit geworden ist: das Seehaus. Bis zu 18 Jugendliche leben dort verteilt auf drei Wohngemeinschaften, jeweils zusammen mit einem Ehepaar. Die Ersatzfamilie gibt den jungen Delinquenten Geborgenheit.
Das Seehaus hat von der Landesstiftung Baden-Württemberg eine Anschubfinanzierung bekommen und erhält seit Beginn dieses Jahres Geld aus dem Landeshaushalt. "Die laufenden Kosten sind bei Vollbelegung gedeckt, Investitionen nicht", sagt Merckle. Vom Familienunternehmen hat er "einiges an finanzieller Hilfe" erhalten, wie er vage sagt. "Über Geld spricht man nicht." Nur widerwillig bestätigt er, dass er selbst sich auch finanziell engagiert, "aber das tut nichts zur Sache".
Weil er das Projekt möglichst breit verankern will, bemüht er sich um Spender und neben den hauptberuflichen auch um ehrenamtliche Mitarbeiter. Das Prinzip im Seehaus heißt Fordern und Fördern. Die Straffälligen wissen, dass das Seehaus ihre letzte Chance ist. Was sie motiviert, bringt Bewohner Thomas auf den Punkt: "Man kann hier etwas erreichen, wenn man sich anstrengt." Inzwischen bieten mehrere Unternehmen den Delinquenten Ausbildungsplätze an. "Es spricht sich herum, dass unsere Jungs gut vorbereitet sind", sagt Merckle nicht ohne Stolz.
