0 Bewertungen
20.04.2007 
Siemens

Heinrich von Pierer – Geliebter Halbierer

Heinrich von Pierer steht wie kaum ein anderer Manager für die Wirschaftsgranden der alten Deutschland AG. Er galt als untadeliger Unternehmensführer, war gefragter Politikberater und wurde sogar kurzzeitig als Bundespräsident gehandelt. Doch dann kam die Schmiergeldaffäre. Rückblick auf eine Managerkarriere.

Pierer gegen Ende seiner Zeit als Vorstandschef. Er galt als jemand, der zupacken konnte. Foto: apLupe

Pierer gegen Ende seiner Zeit als Vorstandschef. Er galt als jemand, der zupacken konnte. Foto: ap

HB MÜNCHEN. Gut 13 Jahre lenkte Pierer als Vorstandschef den Technologiekonzerns Siemens, und sein Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats Anfang 2005 war eine Selbstverständlichkeit. Viele Mitarbeiter trauerten dem leutseligen und manchmal fast väterlichen Führungsstil des heute 66-Jährigen nach, nachdem der amerikanisch geprägte Klaus Kleinfeld den Chefsessel übernommen hatte und begann, die noch zu Pierers Zeit aufgestellten Renditeziele einzufordern.

Pierers Autorität war lange Zeit innerhalb und außerhalb von Deutschlands größtem industriellen Arbeitgeber unangefochten. Sowohl Bundeskanzler Gerhard Schröder, als auch dessen Nachfolgerin Angela Merkel vertrauten auf seinen Rat. Im Jahr 2004 wurde Pierer zeitweise sogar als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt. Im Ausland warb der promovierte Jurist im Auftrag der beiden Bundesregierungen um Investitionen; er wurde international mit Auszeichnungen und akademischen Ehrentiteln überschüttet.

Nach ersten schwierigen Jahren, in denen er nicht unumstritten war, brachte Pierer Ende der 90er Jahre mit einem legendären Zehn-Punkte-Programm den einst verschlafenen Industrie-Dampfer auf Kurs. Das Programm sah unter anderem die Abspaltung der Halbleitersparte (heute Infineon) vor – eine richtige Entscheidung, wie sich im Rückblick zeigt. Der Umsatz des Konzerns erhöhte sich während der Amtszeit Pierers von 35 auf 75 Mrd. Euro.


Bildergalerie Bildergalerie: Das „Who is Who“ der Siemens-Skandale. Welche Personen in den Affären welche Rollen spielen


Nach seinem Wechsel in den Aufsichtsrat schienen sogar der Stellenabbau und die bisweilen harte Hand, mit der er Siemens geführt hatte, vergessen. Selbst die Mitarbeiter der einst gebeutelten Medizintechnik, die ihn zur Zeit der schmerzhaften Sanierung Ende der 1990er Jahre im fränkischen Dialekt den „Hal-Bierer“ nannten, hatten ihm verziehen. Es versprach ein glückliches Pensionistendasein mit einem Teilzeitjob im Aufsichtsrat zu werden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ermittler zerstören Pierer-Bild.

Doch im Herbst vergangenen Jahres legte die Staatsanwaltschaft München Hand an das bis dato unbefleckte Lebenswerk Pierers. Mehrere Dutzend Beamte durchsuchten die Münchner Konzernzentrale und Außenstellen in Pierers Heimatstadt Erlangen. Es ging um schwarze Kassen mit dreistelligen Millionenbeträgen; auch einige von Pierers engsten Vertrauten sollen davon gewusst haben. Siemens-Finanzchef Joe Kaeser nimmt seither dubiose Zahlungen über insgesamt 420 Mill. Euro unter die Lupe.

In diesem Jahr setzten Nürnberger Ermittler noch einen drauf. Sie verhafteten den damaligen Chef der in Siemens-Betriebsräten sitzenden Arbeitnehmerorganisation AUB und kurz darauf den Zentralvorstand und Pierer-Zögling Johannes Feldmayer. Der Vorwurf: Siemens soll sich mit Zuwendungen von rund 34 Mill. Euro die AUB gewogen gehalten haben. Die Kritik aus Gewerkschaft, Politik und Öffentlichkeit an Pierer nahm zu.


» Auflistung: Siemens und seine Brandherde


Pierer versuchte mit einem Teilrückzug aus dem Prüfungsausschuss, der die Affären aufarbeiten soll, die Wogen zu glätten. Doch erfolglos. Bis zuletzt erklärte Pierer, er wisse nichts von all den Unregelmäßigkeiten in seiner Amtszeit als Konzernchef. „Eine persönliche Verantwortlichkeit mit Blick auf die laufenden Ermittlungen war nicht Grundlage meiner Entscheidung“, rechtfertigte er sich noch in seiner Rücktrittserklärung. Für ihn stünden die Konzerninteressen im Mittelpunkt: „Ich habe immer die Überzeugung vertreten, dass die Pflicht gegenüber dem Unternehmen und seinen weit mehr als 400 000 Mitarbeitern in aller Welt Vorrang vor eigenen Interessen haben muss.“ Ähnlich demütig vor dem Erfolg des großen Ganzen hatte vor drei Monaten Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber seinen Rücktritt angekündigt.

Pierer wurde am 26. Januar 1941 in Erlangen geboren. Er studierte in seiner Heimatstadt Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft. Seine Laufbahn bei Siemens begann der promovierte Jurist und Diplom-Volkswirt 1969. Nach dem Einstieg in die Rechtsabteilung des Zentralbereichs Finanzen wechselte er 1977 in die damals selbstständige Kraftwerk Union AG (KWU). 1989 übernahm er den Vorsitz des KWU-Bereichsvorstands und wurde zugleich Vorstandsmitglied der Siemens AG. Nach seiner Wahl in den Siemens-Zentralvorstand 1990 wurde er 1992 Vorstandsvorsitzender des Konzerns. Pierer war auch eine Zeit lang als Kommunalpolitiker für die CSU aktiv.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Verspätete Rücktritte  Artikel in Merkliste

12.10.2008 von Axel Höpner

Für einen Abschied in Würde war es zu spät. Stur hat sich Kurt Viermetz geweigert, als Aufsichtsratschef die Mitverantwortung für das Debakel bei der Hypo Real Estate zu übernehmen. Selbst, wenn er sich keiner Schuld bewusst sein sollte: Schon aus Rücksicht auf das Unternehmen hätte Viermetz längst seinen Hut nehmen müssen. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Zu spät, zu teuer  Artikel in Merkliste

09.10.2008 von Eric Bonse

Man muss ein unerschütterlicher Optimist sein, um noch an die Zukunft des europäischen Satellitensystems Galileo zu glauben. Kommentar

weiterHandelsblatt Quiz

Werbesprüche-Quiz: Auf Kundenfang mit dem Wir-Gefühl

Los geht's!Seit 1990 ist „Wir“ das wichtigste Wort in der Werbesprache. Wissen Sie, wer noch mit dem Sinn für Gemeinschaft auf Kundenfang geht?
Testen Sie Ihr Wissen!
Anzeige