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17.05.2008 

Nächstenliebe, Berufung, Bewusstwerdung – für Worthley haben diese Begriffe eine persönliche Bedeutung. „Als ich das erste Mal in der Kirche die Namen verlas, dachte ich: Diese Menschen hast du die ganze Zeit übersehen“, sagt Worthley als er darauf wartet, die nächste Gruppe aufzurufen. So wie man Obdachlose eben oft gar nicht wahrnimmt, ihre Existenz nur flüchtig bemerkt und vielleicht nur dann und wann ein, zwei kurze Gedanken auf sie verwendet.

Die Menschen am Rand der Gesellschaft übersehen, den Sinn des eigenen Lebens übersehen: Worthley hat einen langen Selbstfindungsprozess hinter sich, der sein Handeln grundlegend verändert hat. Denn der 40-Jährige war auf dem Weg zu einem Leben, das das Übersehen leicht macht. Worthley hatte studiert, einen guten Job, hervorragende Karriereaussichten, einen wohlwollenden Mentor. Die Ecksteine für ein sorgloses Leben waren gelegt. Wäre da nicht das Gewissen gewesen, das Bewusstsein, dass dieses Leben mehr ist als nur ein schöner Lebenslauf.

„Ich weiß, wann es passiert ist“, sagt Worthley in perfektem Deutsch. Viele Jahre hat Worthley in Deutschland verbracht. Doch das Erlebnis, das sein Leben verändern sollte geschah 1995 in Paris. Gemeinsam mit seiner Mutter besuchte Christopher eine Messe in der Kathedrale Notre Dame. So intensiv wie nie zuvor erfassten ihn die Liturgie und die Atmosphäre des Gotteshauses. Und als würde Worthley einen langen Blick auf seine Seele tun, formte sich ein Bedürfnis. Es war der Wunsch, in seinem Leben das zu machen, wozu er sich berufen fühlte. Und jetzt glaubte er, diese Berufung ganz deutlich gehört zu haben. Als der Tag endete, stand für den damals 27-Jährigen fest, dass er Priester werden wollte. Egal, was alles vorher gewesen war. Vorher war schon eine ganze Menge.

Worthley, geboren in der Nähe von Boston und aufgewachsen in Maine, hatte für sich bereits zwei Welten entdeckt. Er hatte in seiner Jugend Amerika erlebt. Ob als Kind in Kennebunk oder als Student der Politik und Geschichte an der Tufts-Universität in Medford bei Boston. Als junger Erwachsener war er dann in das deutsche Universum eingetaucht mit Jahren in dem studentischen Tübingen und ersten beruflichen Stationen in Frankfurt und München. Als er das Erlebnis in Notre Dame erfuhr, war Worthley bereits seit ein paar Jahren bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ beschäftigt. Als stellvertretender Chefredakteur der FAZ-Informationsdienste verantwortete er englischsprachige Publikationen. „Es war bis dahin alles ein wenig zufällig“, sagt Worthley. „Die Dinge haben sich so ergeben“. Aber im Hintergrund gab es immer eine feste Bezugsgröße – Worthleys solide Verankerung im Glauben. Wohin er auch ging, Worthley nahm dieses Zuhause stets mit.

Scheinbar zufällig hatte sich auch das Interesse für Deutschland ergeben. Denn noch an der Uni in Massachusetts konkurrierte Worthleys Neigung zum Deutschen mit dem Russischen. Doch am Ende war es wieder der kirchliche Bezug, der den Ausschlag geben sollte. Als Worthley an der deutschen Fakultät eine Broschüre des Goethe-Instituts in die Hände fiel, las er darin über die Einsatzmöglichkeiten der deutschen Sprache. Und unter anderem stand dort: Theologie. Wenn es keinen anderen Hinweis geben sollte, dann war dieser Fingerzeig genug. Also stürzte sich Christopher ins Deutsche, in die Sprache, in die Kultur, in das Leben. Mit einem Studium in Tübingen, mit einem Praktikum beim Deutschen Bundestag im alten Bonner Wasserwerk, mit einem weiteren Praktikum bei einem SPD-Abgeordneten, mit dem Wechsel zur „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Ohne sich lange zu versehen, war Worthley mit den stellvertretenden Chefredakteursehren ziemlich schnell weit oben angekommen auf der Karriereleiter in Deutschland. Und noch immer kam dieser Zug nicht zum Halten, zu einem Stopp. Das vermochte nicht einmal das Tiefenerlebnis in der Kathedrale von Notre Dame.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: „Leben heißt: Immer wieder Inventur machen“

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