0 Bewertungen
17.05.2008 

Kaum war Worthley von seinem Ausflug nach Paris wieder zurück in Frankfurt, kaum hatte er damit begonnen sein Priesterleben zu planen, kaum hatte Christopher die elf amerikanischen Priesterseminare der Episkopalkirche ausfindig gemacht und angeschrieben – da durchkreuzte die nächste Versuchung seine Pläne. Eine Headhunterin fragte Christopher, ob er sich vorstellen könnte für die Allianz-Versicherung als einer von vier Pressesprechern zu arbeiten.

Worthley war perplex und auch geschmeichelt – und gab dem Angebot nach. Er reiste nach München, sprach dort mit dem Allianz- Vorstand und dem Pressechef Emilio Galli-Zugaro und hatte den Job. Einen Job, den er in diesem Moment eigentlich gar nicht gesucht hatte. Worthley wollte doch Priester werden und sein Leben grundlegend ändern. Mit Freunden beriet er seine Zweifel und kam schließlich zu dem Schluss: „Wenn die Sache mit meiner Berufung zu Gott echt ist, dann kann sie auch noch etwas warten“.

Was wiederum bei der Allianz-Gruppe auf ihn wartete, war eine spannende und eine herausfordernde Zeit. Kurz nachdem Worthley zur Versicherung stieß sah sich das Unternehmen Klagen ehemaliger Allianz-Versicherter aus der NS-Zeit ausgesetzt. Als Vertreter des Unternehmens musste Worthley Opfern und Angehörigen Rede und Antwort stehen. „Das war höchst emotional, da wurde ich auch mal angeschrieen, etwa, warum wir angeblich 50 Jahre lang nichts unternommen hätten.“

Worthley war auf einmal mitten drin in seinem neuen Job bei der Allianz, hatte seinen Bezugspunkt dabei aber nie zur Seite gelegt. In München-Harlaching gab es eine Episkopalkirche. Und Christopher Worthley war dort nicht nur regelmäßiger Gast, sondern aktives Mitglied im Kirchenvorstand. Drei Jahre später, 1999, war für Worthley aber der Moment gekommen, einen Strich unter das Kapitel Allianz zu ziehen – das zumindest dachte Christopher. Er informierte seine Vorgesetzten, seinen Mentor Emilio Galli-Zugaro, und die reagierten verblüffend positiv. Sie wünschten ihm auf seinem weiteren Weg alles Gute und hofften, er würde der Allianz verbunden bleiben. „Das war eine sehr gute europäische Erfahrung, so anders als in Amerika“, erinnert sich Worthley heute. Dann begann Christopher sein Theologie-Studium an der Yale Divinity School. 2002 schloss Worthley die Hochschulausbildung ab – mit dem schön-charmanten Titel „Master of Divinity“, Meister der Göttlichkeit, wie dies ein deutscher Freund von Christopher etwas frei übersetzte.

Und wieder kam alles anders: Statt als Priester eine Gemeinde zu übernehmen, irgendwo in den USA, klopfte erneut die Allianz bei ihm an. Der deutsche Versicherer hatte die Idee, sich nach ihrem Börsengang im Jahr 2000 in den USA sozial zu betätigen. Wer wäre dazu besser geeignet als Christopher Worthley? Also wurde Worthley beides: Leiter der neuen Allianz Stiftung für Nordamerika und nur kurze Zeit später frisch geweihter Priester. Aus dem Büro in Washington betreut er nun eine Vielzahl von Jugendprojekten für die Allianz. Und an der Epiphanias-Kirche ein paar Blocks weiter arbeitet er quasi als Hilfspfarrer.

Für Christopher Worthley wird auch dies keine Endstation sein. „Leben heißt: Immer wieder Inventur machen“, sagt der 40-Jährige. So, wie er es einmal in einer Predigt zur Fastenzeit formulierte, als er über die Wendungen im Laufe einer Erdenexistenz sprach: „Manchmal müssen wir uns ziemlich konzentrieren, um herauszufinden, um was es uns im Leben wirklich geht“, sagte Worthley. „Und manchmal gelangen wir nur dann der Sache auf den Grund, wenn wir sämtliche Ablenkungen loswerden“. Und manchmal gehören eben auch Umwege dazu, um zum Ziel zu kommen.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Ein herber Verlust für die Telekom  Artikel in Merkliste

02.12.2008, 17:33 Uhr von Sandra Louven

Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick verlässt den Konzern. Das bedeutet vor allem eines: ein weiteres Problem für Vorstandschef René Obermann. Eick war der Fels in der Brandung. Er hatte jahrelange Erfahrung mit den Eigenheiten des Bonner Konzerns. Und die sind im Fall der Telekom nicht zu unterschätzen. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Herber Verlust  Artikel in Merkliste

02.12.2008, 17:58 Uhr von Sandra Louven

Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick war der ruhende Pol im Vorstand der Telekom, er hatte die größte Erfahrung. Daher ist er kaum gleichwertig zu ersetzen. Kommentar

weiterHandelsblatt Quiz

Vorstandsbezüge: Quiz: Was Dax-Manager verdienen

Los geht's!Über Ihre Gehälter wird derzeit viel diskutiert. Deutsche-Bank-Chef Ackermann verzichtet 2008 nun auf jegliche Boni. Aber was verdienen die Chefs der Dax-Unternehmen überhaupt?
Testen Sie Ihren Realitätssinn!
Anzeige