2 Bewertungen *****
18.07.2008 
Joseph Hogan

Jack Welch light

von Jan Dirk Herbermann und Oliver Stock

Joseph Hogan hat General Electric zu einer Größe in der Medizintechnik geformt. Nun soll der Amerikaner den Schweizer Industriekoloss ABB führen. Sein Vorgänger scheiterte an Verwaltungsratspräsident Hubertus von Grünberg, der auch bei Conti mitmischt.

GENF/DÜSSELDORF. Nein, es geht hier heute ausnahmsweise nicht um all jene, die derzeit dieses deutsche Dax-Unternehmen namens Conti kaufen oder verkaufen wollen. Wirklich nicht? Also gut: fast nicht.

Der Reihe nach. Es geht um Joseph Hogan, 51 Jahre, Vollblutamerikaner. Blond. Smart. „Kein Bauch“, wie ein europäischer Kollege nicht ohne Neid bemerkt. „Ein Nussknacker“, sagt ein anderer. „Wenn du die Nuss bist, wirst du geknackt.“ Dieser Joseph Hogan ist gestern zum Chef des Schweizer Industriekonzerns ABB ernannt worden, der im vergangenen Jahr 29,2 Milliarden Dollar umsetzte.

Hogan gehört damit ab 1. September zu jenem überschaubaren Häuflein von Konzernlenkern, die letztlich mehr als 100 000 Mitarbeitern sagen, wo es langgeht. Es passt, ihn in einem Atemzug mit Siemens-Chef Peter Löscher zu nennen. Siemens ist in Europa der schärfste Konkurrent von ABB. Und Löscher und Hogan sind ein Duo, das sich kennt: Hogan war mal Chef von Löscher, als der bei einer GE-Sparte seine Sporen verdiente. Beide saßen auf einem Flur im Londoner Büro. „Peter, hol mal den Wagen“, könnte Hogan vielleicht gesagt haben.

So weit, so klar und so fern aller Conti-Aktivitäten. Nun trifft es sich allerdings, dass der Mann, der Hogan zu ABB holte, einer ist, bei dem derzeit viele Fäden zusammenlaufen: Hubertus von Grünberg ist Verwaltungsratspräsident bei ABB. Er hat im Februar den erfolgreichen ABB-Chef Fred Kindle vor die Tür gesetzt, über die Gründe beharrlich geschwiegen und gestern gut gelaunt den Nachfolger präsentiert.

Weniger gut gelaunt ist von Grünberg derzeit in Hannover unterwegs, wo er eigentlich den Abwehrkampf Contis gegen den Familienkonzern Schaeffler organisieren muss. Wer gestern versucht hat, im Gespräch mit von Grünberg das eine mit dem anderen zu verbinden, der biss auf von Grünbergs harten Kern: „Ich werde keine Frage zu Conti beantworten. Bitte vermischen Sie nicht diese beiden Rollen.“ Dass er selber eventuell der oberste Vermischer ist – von Grünberg lässt sich auch dadurch nicht zu einer Äußerung hinreißen.

Also geht es hier um Hogan. „Ich bin geehrt, der CEO von ABB zu werden“, sagte der gestern, und es klang nicht so, als sagt er es nur so. Der jugendlich wirkende Typ lenkt bislang die Geschicke von GE Healthcare in Großbritannien, dem weltweit führenden Anbieter von Medizintechnik: Mit GE Healthcare, einer Tochter des Giganten GE, erzielte Hogan zuletzt rund 15 Milliarden US-Dollar Umsatz. Die Produkte der Firma sollen Diagnose und Behandlung tückischer Krankheiten wie Krebs verbessern. Aber Hogan ist dort bislang eben nur Spartenchef, jetzt steigt er zum „Big Boss“ auf.

Er sei ein Mann, „der extrem schnell spricht und noch schneller denkt“, sagt Bernd von Polheim, Deutschland-Koordinator der Sparte GE Healthcare, die in Deutschland 1 700 Mitarbeiter beschäftigt. Er lege keinen Wert auf die üblichen Statussymbole, habe aber ein Faible für Technik und Sport. Er sei gut durchtrainiert, weil er jeden Morgen schwimmen gehe.

Hogan kam vor 23 Jahren zu GE und arbeitete sich in dem gigantischen Konzern stetig nach oben, zunächst bei GE Plastics. Dann wechselt er zur Sparte Automaten, in den Medizinbereich und schließlich in die Gesundheitssparte. Ein bisschen wird es dort nun als Verrat empfunden, dass einer wie Hogan geht. Nach fast einem Vierteljahrhundert. Nun übernimmt der 45-jährige GE-Veteran John Dineen dessen Posten.

Auf seinem Weg in die Chefetagen orientierte sich Hogan vor allem an einem Mann: GE-Legende Jack Welch. Die GE-Mitarbeiter verglichen Hogan mit Welch: innovativ, rastlos, zielorientiert, wenn nötig knallhart. Er sei aber jemand, der stärker teamorientiert führe, sagen Insider – also quasi Jack Welch light.

Die Analysten der Bank Vontobel erwarten, dass, Hogan „einen starken Fokus auf Margenverbesserung, Qualität und Portfoliomanagement legen wird“. Und die Bank Wegelin geht davon aus, dass der Amerikaner jetzt einen „aggressiveren Wachstumskurs“ einschlagen wird.

Genau diese Aggressivität war es, die Hogans Vorgänger Kindle vermissen ließ – jedenfalls aus Sicht seines Präsidenten von Grünberg. Gestern lobte dieser Hogans Managereigenschaften. Er „freue sich über das Jawort“ des Neuen.

Damit ist die Ehe geschlossen. Dass sich Hogan auf einen schwierigen Partner eingelassen hat, dürfte ihm bewusst sein. Er wird sich noch an die Machtfülle des Deutschen gewöhnen müssen, den sie seit der Sache mit Kindle in der Schweiz auch den „Unbarmherzigen“ nennen. Aber wie war das mit dem Nussknacker? Wahrscheinlich ist von Grünberg Hogans härteste Nuss. Vielleicht allerdings auch umgekehrt.

Joseph Hogan

1957 Er wird am 7. Mai in den USA geboren. Später macht Joseph Hogan seinen MBA an der Robert Morris University und seinen Abschluss am Geneva College, beide in den USA.

1985 Hogan startet seine Karriere beim US-Konzern General Electric (GE). Er übernimmt im Laufe der Jahre verschiedene Führungsaufgaben in Vertrieb, Marketing und Produktentwicklung der Plastiksparte von GE. Später wird er President und Chief Executive Officer (CEO) von GE Fanuc Automation North America, einem weltweiten Lieferanten von industriellen Kontrollsystemen. Das Unternehmen mit Sitz in Charlottesville/Virginia ist ein Joint Venture zwischen GE und Fanuc of Japan.

2000 Hogan wird Chef der Medizintechniksparte von GE.

2006 Er wird Chef der gesamten Gesundheitssparte GE Healthcare.

Heute Er hat außerdem noch zahlreiche Aufgaben außerhalb des Konzerns. So sitzt John Hogan unter anderem im Board der New York Academy of Medicine und der Multiple Myeloma Research Foundation. Er lebt heute mit seiner Frau und seinen drei Söhnen in London.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Ein herber Verlust für die Telekom  Artikel in Merkliste

02.12.2008, 17:33 Uhr von Sandra Louven

Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick verlässt den Konzern. Das bedeutet vor allem eines: ein weiteres Problem für Vorstandschef René Obermann. Eick war der Fels in der Brandung. Er hatte jahrelange Erfahrung mit den Eigenheiten des Bonner Konzerns. Und die sind im Fall der Telekom nicht zu unterschätzen. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Herber Verlust  Artikel in Merkliste

02.12.2008, 17:58 Uhr von Sandra Louven

Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick war der ruhende Pol im Vorstand der Telekom, er hatte die größte Erfahrung. Daher ist er kaum gleichwertig zu ersetzen. Kommentar

weiterHandelsblatt Quiz

Vorstandsbezüge: Quiz: Was Dax-Manager verdienen

Los geht's!Über Ihre Gehälter wird derzeit viel diskutiert. Deutsche-Bank-Chef Ackermann verzichtet 2008 nun auf jegliche Boni. Aber was verdienen die Chefs der Dax-Unternehmen überhaupt?
Testen Sie Ihren Realitätssinn!
Anzeige