Alexander Wrabetz kämpft beim österreichischen Sender ORF für seinen Sparkurs – gegen alle Widerstände. ARD und ZDF haben diesen Kraftakt noch vor sich.
WIEN. Im schwarzen Anzug schlendert Alexander Wrabetz durch die Reihen der Konzertgäste vor der Orangerie von Schloss Schönbrunn. Der Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks (ORF) verteilt konzentriert seine Aufmerksamkeit an die feine Wiener Gesellschaft. Er lächelt routiniert und selbstsicher an diesem Sommerabend. Der Aperitif vor dem Freiluftkonzert der Opernstars Anna Netrebko, Placido Domingo und Rolando Villazón ist ein Pflichttermin – in einer anstrengenden Zeit.
Denn Wrabetz hat dem betulichen ORF eine Magerkur verordnet. Das kommt einer Revolution gleich und lässt seine Kollegen von ARD und ZDF neidvoll nach Wien blicken. Der ehemalige Bankmanager will allein im nächsten Jahr 50 Millionen Euro sparen und in den nächsten zwei Jahren 250 Stellen abbauen. Das sind immerhin 7,5 Prozent der angestellten Mitarbeiter. Nach einem geplanten Verlust von 27 Millionen Euro in diesem Jahr will er 2009 „eine schwarze Null“ erreichen. Da hilft ihm auch die Gebührenerhöhung von über neun Prozent.
Der Betriebsrat des ORF steht wegen des Personalabbaus Kopf. Stundenlang erklärt Wrabetz den Arbeitnehmervertretern seine umstrittenen Sparziele. „Es gibt dazu keine Alternativen. Die Verhandlungen mit dem Betriebsrat werden noch in diesem Jahr abgeschlossen sein“, ist der Intendant überzeugt.
Auch Bertrand de Billy lässt sich an diesem Sommerabend in Schloss Schönbrunn nichts vom Ärger anmerken. Mit viel Verve führt der Dirigent des Radiosymphonieorchesters Wien den Taktstock. De Billy ist ein mögliches Opfer des Sparkurses und der Strukturreformen von Wrabetz. Denn um Geld zu sparen, soll das Orchester mit dem Wiener Radiokulturhaus zusammengelegt werden. Er befürchte eine „Abschaffung des Orchesters“, teilte der streitbare Franzose öffentlich mit. „Wir werden überall gelobt und unterstützt – außer im eigenen Haus“, ärgert sich der angesehene Orchesterchef.
Wrabetz hat keinen leichten Job, seit er im Januar vergangenen Jahres den Chefsessel des ORF übernahm. „Die Dicke der Haut wächst mit der Stärke der Angriffe“, sagt der Generaldirektor trotzig zu den Angriffen. Der promovierte Jurist wusste, auf welches Abenteuer er sich beim ORF einließ. Schließlich war er dort acht Jahre zuvor kaufmännischer Direktor und führte daher die Bücher der Rundfunkanstalt mit einem Jahresetat von 950 Millionen Euro (2007). Rund ein Drittel der Einnahmen kommt aus der Werbung.
Widerstände ist Wrabetz gewohnt. Schon bei seiner umstrittenen Programmreform bekam er sie zu spüren. In Österreich hat jeder eine Meinung zum ORF, die wenigsten eine gute. Insbesondere die konservative Partei ÖVP ist auf den Fernsehmanager meist nicht gut zu sprechen. Denn der Ex-Bundesvorsitzende der sozialistischen Studenten in Österreich gilt als SPÖ-nah. Er wurde mit den Stimmen der SPÖ, der Grünen und der rechtspopulistischen Parteien FPÖ und BZÖ gewählt. Seine glücklose Amtsvorgängerin Monika Lindner, die von der ÖVP bevorzugt wurde, verlor damals das Wahlduell.
Nun ist die Große Koalition in Wien geplatzt. Ende September kommt es zu Neuwahlen. Vielleicht wird auch Wrabetz ein Opfer der politischen Kabale. Der frühere Banker und Industriemanager aber gibt sich selbstsicher. „Ich gehe davon aus, dass ich bis 2011 das Haus führen werde, auch wenn ich bei einzelnen Politikern nicht beliebt bin“, sagt der 48-Jährige und blickt von seinem Chefzimmer im sechsten Stock auf dem 261 Meter hohen Küniglberg – ein Synonym für den ORF – zum friedlichen Wienerwald.
Wie Radiohörer und Fernsehzuschauer zu ihm stehen, erfährt er täglich auf der Straße. Denn ein ORF-Chef ist immer im Amt. Der ORF ist ein Stück Österreich. „Überall im Lande werde ich von den Leuten direkt angesprochen“, sagt Wrabetz. Er scheint das zu genießen. Denn auch im Urlaub bleibt er gerne im Lande. Dann erholt sich der ORF-Chef mit seiner Frau, einer Sportmedizinerin, und seinen drei Kindern im Alter von 14 bis 20 Jahren gerne am Wörthersee in Kärnten. Im Winter läuft er Ski in Lech am Arlberg.
Bei seinen deutschen Kollegen genießt Wrabetz längst großes Ansehen. „Alexander Wrabetz ist ein Freund und herausragender Manager“, sagt ZDF-Intendant Markus Schächter über seinen Amtskollegen in Wien. Der ORF gilt als technischer Vorreiter. Als erste deutschsprachige Anstalt hat der ORF zur Europa-Fußballmeisterschaft mit dem hochauflösenden Fernsehen im Regelbetrieb begonnen. Nahezu zeitgleich startete der ORF mit dem Handy-TV im neuen Standard DVB-H. Sein Nokia-Handy nimmt Wrabetz seitdem sogar mit ins Fußballstadion. „Bei einem Match schaue ich mir schon mal die Wiederholung spannender Szenen an“, sagt er.
Um seine Zukunft ist ihm nicht bange – trotz der politisch ungewissen Situation. Schließlich hat es sein Vorbild Gerhard Zeiler sogar vom ORF-Generalintendanten zum Vorstand von Europas größtem Fernsehkonzern RTL Group geschafft. Auf ihn hält Wrabetz große Stücke: „Die weißen Elefanten im ORF sind bereits unter Zeiler abgebaut worden.“ Nun sind die grauen Elefanten dran.
Alexander Wrabetz
1960 Er wird am 21. März in Wien geboren. Sein Vater ist Anwalt. Alexander Wrabetz promoviert 1983 in Jura, arbeitet nebenbei im Landesstudio Wien des Österreichischen Rundfunks (ORF) und absolviert ein Traineeprogramm bei der Girozentrale und Bank der österreichischen Sparkassen.
1987 Er kommt als Assistent des Vorstandsvorsitzenden zur Österreichischen Industrieholding-Aktiengesellschaft (ÖIAG) und wird 1990 Generalsekretär der neu gegründeten Austrian Industries. Er übernimmt 1992 die Geschäftsführung der zur Holding gehörenden Voest Alpine Intertrading GmbH in Linz. Und 1995 wechselt er zur ebenfalls zum ÖIAG-Konzern gehörenden VAMED-Gruppe in Wien, wo er bis 1998 Vorstandsmitglied ist.
1998 Wrabetz wird kaufmännischer Direktor des ORF. Er verkauft die Sendertechnik an ein Konsortium und kann so im Jahr 2005 den höchsten operativen Gewinn in der ORF-Geschichte präsentieren.
2007 Er steigt Anfang Januar zum neuen Generaldirektor des ORF auf und startet eine Programmreform.
