Besonders wichtig ist Merckle Kontakt zur Außenwelt und deren Einbeziehung. „Wir versuchen den Alltag darzustellen.“ Auch deshalb setzt er sehr auf das Engagement Ehrenamtlicher. So nutzt ein Maurermeister die Freiheit als Rentner um jede Woche an mehreren Vormittagen mit den Jugendlichen zu arbeiten. „Ich hätte genauso auf die schiefe Bahn kommen können“, sagt er. Jeder Straffällige im Seehaus, der möchte, und das sind die meisten, bekommt zudem „draußen“ einen Paten. Der ist auch nach der Entlassung für ihn da.
Um die Jugendlichen möglichst gut auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorzubereiten, setzt Merckle auf das Motto Fordern und Fördern. Schon beim Frühsport werden die Straffälligen von Betreuern bewertet und das setzt sich den ganzen Tag hindurch fort. „Die Jugendlichen können etwas.“ Es gehöre einiges dazu, 40 Autos zu knacken oder eine Clique anzuführen. „Wir müssen sie ermutigen, ihre Gaben auszupacken und positiv einzusetzen.“ Dadurch steige ihr Selbstbewusstsein. Dennoch gibt es auch Rückschläge. „Dann ist es wichtig, den Jungs wieder aufzuhelfen, wenn sie die Hilfe annehmen wollen“, sagt Merckle.
Thomas, der mit zwei anderen Jugendlichen und einem Mitarbeiter Bäume fällt, lebt seit Anfang Dezember im Seehaus. Ihm ging es anfangs wie Sven, der erst seit dreieinhalb Wochen da ist. Die Umstellung gegenüber dem Gefängnis ist gewaltig. „Die ersten Tage sind die anstrengendsten, da musste ich nur putzen“, berichtet Sven. Was die Jugendlichen motiviert, bringt Thomas auf den Punkt: „Man kann hier etwas erreichen, wenn man sich anstrengt.“ Wer sich an die Regeln hält und gute Bewertungen bekommt, wird mit Privilegien belohnt. Anfangs dürfen die Jugendlichen sich nur zusammen mit einem Mitarbeiter auf dem Gelände bewegen. Thomas ist im Phasensystem schon weiter. Er darf begleitet von Andreas unterwegs sein.
Thomas hofft, bald die nächste Stufe zu erreichen, weil ihn dann seine Freundin für einige Stunden besuchen darf oder er die Möglichkeit zu einem Betriebspraktikum hat. Andreas, der wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt ist und seit vier Monaten im Seehaus lebt, könnte womöglich noch während seiner Zeit auf dem Gutshof eine Lehre als Kfz-Mechaniker bei Daimler beginnen, wenn seine Bewerbung Erfolg hat. „Das wäre das Beste, was ich aus der Haftzeit machen könnte.“ Inzwischen bieten mehrere Unternehmen den Delinquenten Ausbildungsplätze an. „Es spricht sich herum, dass unsere Jungs gut vorbereitet sind“, sagt Merckle nicht ohne Stolz.
Eine Lehrstelle erleichtert den schwierigen Übergang in die Freiheit. Wenn der Tag nicht mehr von morgens bis zur Bettruhe um 22 Uhr durchgeplant ist und die Jugendlichen mehr als nur zweimal 15 Minuten Zeit für sich haben, bringt das viele Versuchungen mit sich, nicht nur Alkohol und Drogen.
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