Im vergangenen Jahr erreichte die Pirelli-Fabrik einen Umsatz von 850 Millionen Euro mit High-Tech-Reifen „made in Germany“. Eine Milliarde Euro soll es in zwei Jahren sein. Das Geschäft lohnt sich: Um 30 Prozent ist der Ertrag nach eigenen Angaben in den vergangenen vier Jahren gestiegen. Seit 2003 fielen zwar 700 Jobs vor allem der Automatisierung zum Opfer, aber noch immer beschäftigt der italienische Konzern 2 600 Mitarbeiter in Breuberg.
Vor 45 Jahren übernahm er die dort ansässigen Veith Gummiwerke und baute sie zum Lieferanten von Hochleistungsreifen für die schnellsten Serienautos der Welt aus – für den Supersportwagen Audi R8, das Coupé Bentley Continental GT oder den Klassiker Porsche 911 Turbo.
Das Jubiläum nutzt der Firmenchef zur doppelten Werbetour: Er zollt dem Standort ebenso Respekt wie den lokalen Kunden. „Die Deutschen haben gezeigt, dass sie die Autobauer schlechthin sind. Das gilt etwa in Bezug auf Innovation, Qualität, Leistung und Sicherheit“, sagt Tronchetti Provera über seine Kunden Audi, BMW, Mercedes, Porsche und Volkswagen. Speziell VW traut er für die Zukunft eine Menge zu. „Wenn der Konzern jemanden herausfordern will, kann er das schaffen – auch wenn es nicht einfach wird, weil auch die Japaner vorankommen“, sagt der Branchenkenner über die Ambitionen von VW-Chef Martin Winterkorn, den japanischen Branchenprimus Toyota einzuholen.
Schwächt eine solche Konzentration auf Kundenseite die Verhandlungsposition des Zulieferers Pirelli, der im vergangenen Jahr fast vier Millionen seiner in Deutschland hergestellten Reifen zur Erstausrüstung von Neuwagen an die Hersteller geliefert hat? „Die Autobauer sehen inzwischen die Notwendigkeit starker Lieferanten.Nur die können die hohen Investitionen für die besten Produkte aufbringen“, sagt der Mann im maßgeschneiderten dunklen Anzug, den ein feines Kontrastkaro durchzieht, nachdem er seinen Espresso abgestellt hat.
Wie geht das in einem Hochlohnland? Allein 100 Millionen Euro hat Pirelli in den letzten Jahren in ein neues Produktionssystem gesteckt. Die Fabrik benötigt nur noch eine Handvoll menschliche Arbeitskräfte, statt sechs Tagen sind für die Fertigung eines Reifens eine Stunde und zwölf Minuten vonnöten. Das Odenwald-Örtchen, mit dem Taxi gut 100 Euro vom Frankfurter Flughafen entfernt, ist nach der Mailänder Zentrale zudem der wichtigste Forschungsstandort des Konzerns.
„Es ist erstaunlich, dass Pirelli im Gegensatz zu anderen Herstellern immer noch in diesem Maße in Deutschland produziert“, wundert sich Frank Schwope, Branchenspezialist der NordLB, und verweist darauf, dass der Konkurrent Continental Fertigung nach Osteuropa verlagert.
Aber bei aller Liebe zu Deutschland – bis Ende 2009 will Tronchetti Provera auch in Russland mit der Produktion von Hochleistungsreifen starten.
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