Die Regeln für gute Unternehmensführung und-kontrolle in der deutschen Wirtschaft werden in Zukunft maßgeblich von einem Banker beeinflusst. Klaus-Peter Müller, Ex-Vorstandschef der Commerzbank
, übernimmt Anfang Juli die Leitung der Regierungskommission Deutscher Corporate-Governance-Kodex.
Industriemanager Gerhard Cromme gibt die Leitung der Regierungskommission Deutscher Corporate-Governance-Kodex ab an Klaus-Peter Müller, Ex-Vorstandschef der Commerzbank.
DÜSSELDORF/FRANKFURT. Das teilte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) am Donnerstag mit. Industriemanager Gerhard Cromme führte das dreizehnköpfige Gremium seit 2001 und gibt den Posten ab, um sich vor allem auf sein schwieriges Aufsichtsratsmandat bei Siemens zu konzentrieren. In München treibt Cromme die Aufarbeitung des Korruptionsskandals voran.
Die Wahl Müllers stößt auf ein unterschiedliches Echo. Theodor Baums, der im Auftrag der Bundesregierung noch vor Cromme eine Corporate-Governance-Kommission leitete, hält den Banker "für eine gute Wahl". Manuel René Theisen, Wirtschaftsprofessor an der Ludwig-Maximilians-Uni München, hält Müller dagegen nicht "für eine überzeugende Lösung". Ein Banker, so Theisen, repräsentiere nur einen ganz speziellen Teil der Wirtschaft, der nach ganz anderen Regeln als Industriefirmen funktioniere und deshalb auch eigene Aufsichts- und Kontrollgremien habe.
Klaus-Peter Müller gilt als starker Mann in der Führungselite der deutschen Banken und führt als Präsident den Bundesverband deutscher Banken. Die Commerzbank
sanierte der ehemalige Commerzbank
-Chef, der heute dem Aufsichtsrat vorsteht, zunächst zögerlich, dann aber mit der notwendigen Härte. Heute zählt die Frankfurter Bank zu den Interessenten für die Postbank. In der Politik ist das CDU-Mitglied gut verdrahtet mit besten Beziehungen zur Kanzlerin Angela Merkel.
Cromme hatte der Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) nach eigener Aussage schon vor einem Jahr signalisiert, aus Zeitgründen den Kommissionsjob aufgeben zu wollen. Doch die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich offenbar schwierig. "Zypries war wohl in Verlegenheit", heißt es in Kommissionskreisen. Aus der deutschen Industrie biete sich kaum jemand für diese Funktion an. Zypries sagte am Donnerstag, Cromme sei "Antreiber notwendiger Veränderungen wie auch Sachwalter bewährter Vorzüge gewesen."
Die bislang nach ihrem Vorsitzenden benannte Cromme-Kommission formuliert seit 2001 im Auftrag der Bundesregierung Empfehlungen und Anregungen für eine gute Unternehmensführung und-kontrolle. Darunter etwa die Regel, dass der Wechsel eines Vorstandsvorsitzenden in den Aufsichtsrat kein Automatismus sein sollte. Ausgeschlossen wird er aber ausdrücklich nicht. Sowohl Cromme wie auch Müller haben bei Thyssen-Krupp und Commerzbank
aber genau diesen Weg genommen; Cromme bereits vor seiner Ernennung zum Kommissionschef. Die inzwischen gut 100 Regeln sind freiwillig, gesetzlich verpflichtet sind kapitalmarktorientierte Unternehmen nur, einmal im Jahr eine Erklärung darüber abzugeben, ob und welche Empfehlungen und Anregungen sie akzeptieren.
Bundespräsident Horst Köhler hatte erst kürzlich die Wirkung des Kodexes heftig bezweifelt, weil er nicht in der Lage sei, die "Rundum-Sorglospakete" für Manager zu verhindern. Cromme dagegen glaubt, dass die neue Managergeneration "nicht schlechter ist als die alte". Doch komme heute dank der Transparenz "viel mehr ans Licht als früher".
Eines der letzten Kodexprojekte von Cromme ist offenbar eine Regelung für Erfolgstantiemen. Es dürfte sich in der Öffentlichkeit nicht das "Gefühl ausbreiten", sagte er gestern, "was auch immer passiert, die Manager gewinnen."
Müllers Agenda
Letzte Sitzung: Gerhard Cromme will zur Übergabe der Kommissionsleitung an Klaus-Peter Müller noch einmal Governance-Geschichte schreiben. Nach Informationen des Handelsblatts stehen auf der Sitzung der Kodex-Kommission am Freitag zwei Themen zur Debatte.
Frauenquote: Der Kodex könnte dann um eine Empfehlung erweitert werden, die Zahl weiblicher Aufsichtsräte auszuweiten. Schlagzeilen machte zuletzt Norwegen, wo eine Frauenquote gesetzlich vorgeschrieben ist. Hierzulande wird es wohl auf eine "angemessene Quote" hinauslaufen.
Aktienbesitz: Um Manager auch schwierige wirtschaftliche Situationen spüren zu lassen, stehen Haltefristen für Aktien des eigenen Unternehmens zur Diskussion, möglicherweise bis zum Ende der Vertragslaufzeit.
