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24.10.2007 
Bernhard Reutersberg neuer Chef von Eon Ruhrgas

Nachfolger in großen Fußstapfen

von Jürgen Flauger

Der größte deutsche Gasversorger Eon Ruhrgas hat die Weichen für die Nachfolge seines scheidenden Vorstandschefs Burckhard Bergmann gestellt: Der Präsidialausschuss empfahl dem Aufsichtsrat, Vertriebsvorstand Bernhard Reutersberg zu befördern. Auf den Manager wartet nun eine schwierige Aufgabe.

Lupe

ESSEN. „Ich fange mal an, denn ohne den Einkauf hat der Vertrieb ja nichts zu verkaufen“, sagt scherzend Jochen Weise, im Vorstand von Eon Ruhrgas zuständig für die Gasbeschaffung. „Ohne den Vertrieb geht es aber auch nicht“, schiebt der für diesen Bereich zuständige Vorstand Bernhard Reutersberg rasch nach.

Beide Manager traten erst vergangene Woche in der Zentrale von Deutschlands größter Ferngasgesellschaft als Team mit gemeinsamen Anliegen auf: Bei rosa gebratenem Rinderfilet und Kalbsbäckchen erläuterten sie die Herausforderungen, vor denen ihr Unternehmen sowohl im Gaseinkauf als auch im -verkauf steht.

Die geladenen Gäste ließen sich vom friedlichen Miteinander der Gesprächspartner allerdings nicht in die Irre führen. Längst war bekannt, dass beide Vorstände um den höchsten Chefposten bei Ruhrgas konkurrieren. Wer würde das Rennen machen? Beide Manager galten in und außerhalb des Unternehmens monatelang als Favoriten.

Jetzt ist die Entscheidung gefallen: für Vertriebsvorstand Reutersberg. Der Präsidialausschuss hat sich für den 53-Jährigen ausgesprochen. Die Bestellung auf der nächsten Sitzung des Aufsichtsrats am 19. Dezember ist nur noch eine Formalie, weil ihm auch die Arbeitnehmerseite den Vorzug gegenüber dem Kontrahenten gibt. Zum 1. März tritt Reutersberg die Nachfolge von Burckhard Bergmann an.

Auf den groß gewachsenen, schlanken Manager, der seinen Vorgänger um fast einen Kopf überragt, wartet eine schwierige Aufgabe. Zum einen könnten die Fußstapfen von Bergmann kaum größer sein: Mit ihm tritt einer der angesehensten Gasmanager Europas ab. Der 64-Jährige arbeitete 35 Jahre für das Unternehmen, sitzt seit 27 Jahren im Vorstand und steht seit sechs Jahren an der Vorstandsspitze. Er hat richtungweisende Lieferverträge in Russland und Norwegen ausgehandelt und die Fusion mit Eon vorangetrieben.

Einen solchen Lebenslauf kann Reutersberg nicht vorweisen – soll es vermutlich auch nicht. Der promovierte Diplom-Kaufmann ist kein Ruhrgas-Gewächs und auch in der Branche vergleichsweise neu. Erst vor einem Jahr wechselte er von der Konzerntochter, Eon Energie in München, nach Essen. Dort soll er die Integration des Konzerns vorantreiben und alte Strukturen aufbrechen. Dennoch muss sich der neue Chef mit weniger Einfluss zufriedengeben als der alte hatte. Im Gegensatz zu Bergmann wird Reutersberg nicht mehr im Vorstand des Mutterkonzerns sitzen. „Jetzt hat Bernotat die Ruhrgas auch im Management integriert“, kommentiert ein Kenner des Unternehmens die Personalie.

Reutersberg ist eben kein alter Gasmann, der noch der Monopolzeit nachtrauert und kumpelhaft mit seinen Kunden Verträge aushandelt. Er verkörpert den neuen Typus des Energiemanagers, der stilbewusst gekleidet, eher distanziert auftritt. Der Chefwechsel bei Ruhrgas erfolgt in unruhigen Zeiten. Dem Marktführer weht ein äußerst scharfer Wind entgegen: Brüssel und Berlin beäugen die Marktmacht des Gasimporteurs und -großhändlers kritisch, die EU-Kommission will dem Unternehmen sogar das Netz nehmen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Welchen Pluspunkt Reutersberg mitbringt

Gleichzeitig haben sich durch das entschlossene Auftreten von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt die Chancen für andere Gashändler – Newcomer oder auch Konkurrenten aus dem Ausland wie Gaz de France, Eni oder Essent – deutlich verbessert. Sie buhlen aggressiv um Ruhrgas-Kunden, Stadtwerke, Regionalversorger und Industrieunternehmen. Reutersberg weiß, dass sein Unternehmen den Marktanteil von derzeit rund 50 Prozent nicht wird halten können.

„Der Gasmarkt steht vor gravierenden Veränderungen“, stellt er nüchtern fest. Den klassischen Kunden, der sich über Jahrzehnte hinweg an „seine Ruhrgas“ bindet, gibt es nicht mehr. Das Unternehmen, dass bislang fast 80 Prozent seines Absatzes von 700 Mrd. Kilowattstunden in Deutschland erzielt, wird aggressiver im Ausland wachsen müssen.

Die Aufseher um Eon-Chef Wulf Bernotat haben sich mit Reutersberg für einen ausgemachten Vertriebsprofi entschieden, der unter anderem als Produktmanager und Marketingchef für Henkel arbeitete, ehe er 1999 in die Energiewirtschaft wechselte. Zudem baute er nach der Fusion von Viag und Veba zu Eon im Jahr 2000 den Vertrieb des neuen Konzerns auf – und war dabei so erfolgreich, dass er sich zunächst bei Ex-Chef Ulrich Hartmann und später bei Bernotat für höhere Aufgaben empfahl. „Das sich Eon für einen Vertriebs-Mann entschieden hat, ist ein strategisches Signal und eine Ansage an die Konkurrenz“, sagt ein in der Branche bestens verdrahteter Personalberater.

Als Pluspunkt bringt der neue Ruhrgas-Chef, der in Münster am Institut für Verkehrswissenschaften promovierte, auch ein ausgeprägtes Verständnis für die technische Seite der Gaswirtschaft mit – sieben Jahre lang arbeitete er für den Heizungsbauer Vaillant. Dieses Wissen ist wertvoll: Denn gemeinsam mit den Herstellern muss die Gaswirtschaft Antworten auf die Nachfrage nach sparsamen und umweltfreundlichen Technologien finden. Schließlich setzen viele Hausbauer aufgrund stetig steigender Gaspreise auf alternative Heizungen. Mit Spannung wird in der Ruhrgas-Zentrale beobachtet, wie sich der durchaus als ehrgeizig bekannte Weise, Vorstand für Gasbeschaffung und -handel, mit der Entscheidung gegen ihn abfinden wird.

An Reutersberg dürfte die Zusammenarbeit wohl nicht scheitern. Der Vater von drei Kindern gilt Mitarbeitern als kooperativer Teamspieler. Zudem ist er auf einen erfahrenen Einkäufer angewiesen, denn die Herausforderungen in der Beschaffung sind nicht kleiner als im Vertrieb. So will Eon Ruhrgas nicht mehr länger eine reine Importgesellschaft sein, sucht nach eigenen Feldern, drängt ins Geschäft mit verflüssigtem Gas. Doch bei steigender Gasnachfrage ist die Konkurrenz groß – speziell die russische Konkurrenz tritt mit breiter Brust auf.

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