4 Bewertungen *****
10.07.2008 
Klaus Kleinfeld

Neue Heimatgefühle

von Axel Höpner und Markus Hennes

Ex-Siemens-Chef nimmt die erste Hürde als neuer Chef des US-Aluminiumkonzerns Alcoa. Die Zahlen sind nicht so schlecht, wie viele Analysten erwartet haben.

MÜNCHEN/DÜSSELDORF.Die Feuertaufe im neuen Amt hat Klaus Kleinfeld bestanden. Bevor der neue Chef des US-amerikanischen Aluminiumkonzerns Alcoa am Dienstagabend die Zahlen für das zweite Quartal präsentierte, war die Unsicherheit unter den Anlegern groß. Der Aktienkurs Alcoas sackte an der Börse in New York auf den tiefsten Stand seit fünf Monaten ab.

Doch dann, nach Börsenschluss, brach großer Jubel aus. Die Alcoa-Ergebnisse, stets mit besonderer Spannung erwartet, weil der Konzern als erstes Schwergewicht der US-Wirtschaft über das vergangene Quartal berichtet, fielen deutlich besser aus als erwartet. "Es sieht so aus, als hätten sie einen guten Job gemacht", lobte Jeremy Blackman, Analyst bei Hester Capital Management. Und es sieht so aus, als sei Kleinfeld, bis vor einem Jahr Siemens-Chef, in seiner neuen Heimat angekommen.

Heimat, das ist für Klaus Kleinfeld, nach allem, was vorgefallen ist, wahrlich kein einfaches Wort. Vor wenigen Wochen war er noch einmal in München, dort, wo er sich im April 2007 zu Tränen gerührt verabschiedet hat, wo er sich wohl auch lange zu Hause gefühlt hat. Es war eine Art endgültiger Abschied. Haushalt aufgelöst, Haus verkauft, Deutschland ade - und Siemens erst recht.

Wer Gelegenheit hatte, ihn in diesen Tagen Ende April, Anfang Mai zu treffen, der nahm einen äußerlich entspannten Klaus Kleinfeld wahr. Die Dinge in Amerika wohl geordnet, die Nachfolge als Chef des Alcoa-Konzerns glasklar geregelt. Nur wer länger mit ihm diskutierte, bekam Gelegenheit zu hören, dass das Kapitel Siemens bei Kleinfeld, der seit 1. Mai den drittgrößten Aluminiumkonzern führt, doch noch lange nicht beendet ist.

Für ihn nicht, und auch nicht für Siemens. Dort wird Kleinfelds Amtszeit heute zwiespältig gesehen. Nach außen hin betont sein Nachfolger Peter Löscher stets, er und Kleinfeld seien Brüder im Geiste. Dieser habe mit der Konzentration auf die Megatrends wie Gesundheit und Energie sowie mit einer Verschärfung der Margenziele das Fundament gelegt, auf das er, Löscher, jetzt aufbaue.

Hinter vorgehaltener Hand aber wird Kritik vor allem am Führungsstil Kleinfelds laut. Stets zu mutigen, manchmal auch waghalsigen Schritten bereit, habe Kleinfeld auch einige Baustellen offen liegen lassen. So deckte Löscher immense Belastungen bei Großprojekten auf, zudem wird erst jetzt die Sanierung der renditeschwachen Verkehrstechnik energisch angegangen, einen Bereich, den Kleinfeld weitgehend vor sich hin wurschteln ließ.

Dennoch hat Kleinfeld bei Siemens einiges bewegt. Als er die Nachfolge Heinrich von Pierers antrat, herrschte in weiten Teilen des Konzerns hoher Reparaturbedarf. Als Sanierer brachte Kleinfeld zielstrebig und schnell das verlustreiche Festnetzgeschäft in ein Gemeinschaftunternehmen mit Nokia ein. Noch schneller verschenkte er die Handysparte an die taiwanische BenQ - die das Geschäft ein Jahr später in die Pleite schickte. Plötzlich, im Herbst 2006, war Kleinfeld der Buhmann, erst recht, als zeitgleich bekannt wurde, dass der Aufsichtsrat ihm und den Vorstandskollegen eine üppige Einkommensverbesserung genehmigt hatte. "Deutschlands frechste Gehaltserhöhung" titelte "Bild".

Ohnehin trat der gebürtige Bremer bei Siemens in so manches Fettnäpfchen. Zum Beispiel als er für ein Siemens-Foto seine Rolex aus dem Bild retuschieren ließ. Für die Feinheiten der Chef-Kommunikation brachte er wenig Gespür mit, das war ein Teil seines Verhängnisses.

Denn mit den harten "facts and figures" konnte er stets punkten, die Börse honorierte seinen Kurs. Ob er in der Schmiergeldaffäre anfangs energisch genug intern ermitteln ließ, ist umstritten. Auf eine persönliche Verstrickung Kleinfelds in den Skandal jedenfalls gibt es bis heute keinerlei Hinweise. Dennoch musste Kleinfeld im Zuge der Affäre abtreten. Der Aufsichtsrat wollte seinen Vertrag angesichts der unklaren Gefechtslage nicht verlängern.

Kleinfeld jedenfalls zeigte nach 20 Jahren bei Siemens im Abschied Größe. Trat nicht nach, präsentierte am Morgen nach der Rücktrittsankündigung noch einmal glänzende Quartalszahlen und sagte lakonisch: "Wo sich eine Tür schließt, öffnen sich zehn neue." In der Tat. Nach dem Abschied bei Siemens blieb er nicht lange ohne Job. Als einer der wenigen Deutschen ergatterte er sich einen Top-Posten bei einem der großen US-Konzerne: Alcoa.

Mitarbeit von: Christoph Hardt

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kreditklemme: Harte neue Welt  Artikel in Merkliste

03.12.2008 von Robert Landgraf

Viele Unternehmer werden sich bald mit Wehmut an vergangene Zeiten erinnern. An Zeiten, in denen es einfach war, Kredite aufzunehmen, in denen sie ihnen von Banken regelrecht aufgedrängt wurden. Das gilt insbesondere für mittelgroße Firmen, die keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Kontrollierter Konkurs  Artikel in Merkliste

03.12.2008 von Matthias Eberle

Lange ist es her, da nannten sie den weltgrößten Autokonzern „Generous Motors“. Kein anderes Unternehmen zahlte großzügiger. Jetzt soll die Regierung dafür zahlen, dass die US-Autoindustrie seit Jahren den internationalen Wettbewerb ignoriert und darüber hinaus Fahrzeuge baut, die der Kunde nicht mehr will. Kommentar

weiterHandelsblatt Quiz

Vorstandsbezüge: Quiz: Was Dax-Manager verdienen

Los geht's!Über Ihre Gehälter wird derzeit viel diskutiert. Deutsche-Bank-Chef Ackermann verzichtet 2008 nun auf jegliche Boni. Aber was verdienen die Chefs der Dax-Unternehmen überhaupt?
Testen Sie Ihren Realitätssinn!
Anzeige