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13.11.2006 
Zukünftiger Telekom-Vorstandschef

Obermann – „Kapitalist aus dem Bilderbuch“

von Katharina Slodczyk

René Obermann wird Nachfolger von Kai-Uwe Ricke an der Spitze der Telekom und damit zum dritten Mal in dessen Fußstapfen treten. Er ist der Prototyp des jungen und dynamischen, teilweise etwas arroganten Unternehmers, der mit Energie und Besessenheit arbeitet.

Obermann darf sich Hoffnungen auf den Chefsessel machen. Foto: dpaLupe

Obermann darf sich Hoffnungen auf den Chefsessel machen. Foto: dpa

HB BONN. Das Wochenende ist für die Familie reserviert – zumindest teilweise. Jeden Samstag Vormittag bringt René Obermann seine ältere Tochter zum Reiterhof. Doch danach geht er manchmal noch ein bisschen Arbeiten. Dann steuert der Top-Manager der Deutschen Telekom mit Vorliebe einen Telekom-Laden an. Er will sehen, wie es wirklich in den T-Punkten zugeht, wie freundlich die Mitarbeiter sind, wie lange die Kunden warten müssen. Bis vor kurzem ging das fast immer inkognito. „Inzwischen erkennt man mich manchmal“, erzählte er von ein paar Wochen. Richtig glücklich war er damit nicht.

Doch erkannt zu werden, daran wird sich Obermann jetzt gewöhnen müssen. Denn höchstwahrscheinlich wird er es sein, der am Montag vom Aufsichtsrat zum Nachfolger von Kai-Uwe Ricke berufen wird, dessen Abschied von der Konzernspitze das Unternehmen am späten Sonntagabend auch offiziell verkündete. Kaum ein Job in der deutschen Wirtschaft ist so exponiert wie dieser.

Zum dritten Mal tritt Obermann damit in Rickes Fußstapfen. Im Jahr 2000 wird Ricke Chef von T-Mobile International, Obermann übernimmt seinen Job bei T-Mobile Deutschland. Zwei Jahre später löst Ricke Ron Sommer als Telekom-Chef ab, Obermann übernimmt die Führung von T-Mobile International und steigt in den Telekom-Vorstand auf. Jetzt der nächste Schritt – mit einem Unterschied: dieses Mal steigt Ricke ab.


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Beide Männer verbindet eine jahrelange Freundschaft. Sie kennen sich seit mehr als zehn Jahren aus gemeinsamen Zeit beim Verband der Mobilfunkanbieter: Ricke ist Anfang der 90er Jahre Chef des Mobilfunkdienstleisters Talkline, Obermann Chef eines Konkurrenten. 1998 treten sie als Tandem bei der Telekom auf: Ricke wird Chef von T-Mobile Deutschland, Obermann übernimmt dort den Vertrieb. Gemeinsam machen sie die Telekom-Mobilfunktochter zur Nummer eins hier zu Lande. Schon damals ist die Aufgabenverteilung klar: Ricke gibt sich freundlich und auf Konsens bedacht. Obermann ist für die kritischen Fragen zuständig, sorgt dafür, dass der Vertrieb von T-Mobile in Schwung kommt, übernimmt unangenehme Aufräumarbeiten aller Art.

Obermann gehört zu den Mobilfunkpionieren Deutschlands. Eigentlich will er Mitte der 80er Jahre nach einer Lehre zum Industriekaufmann studieren. Doch schon im ersten Semester hält es ihn nicht mehr auf der Hörsaalbank: Er beginnt Anrufbeantworter und Autotelefone zu verkaufen und gründet das Handelsunternehmen ABC Telekom. Obermann ist der Prototyp des jungen und dynamischen, teilweise etwas arroganten Unternehmers. Staatliche Förderung? „Da habe ich keine Zeit, um für die 10 000 Mark Dutzende von Anträgen auszufüllen und mich mit Beamten herumzuärgern“, soll er gesagt haben. Bafög? „Von dem Mickymaus-Betrag kann ich doch nicht leben.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wirtschaftwoche über Obermann: „Er ist ein Kapitalist.“

„Er ist ein Kapitalist aus dem Bilderbuch“, schreibt die „Wirtschaftswoche“ Ende der 80er Jahre. Obermann fährt Porsche und hält sich eine Haushälterin. „Geld“, sagt er, „ermöglicht es einem, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“

Das kann er spätestens 1991: Er verkauft seine Firma an Hutchison Whampoa. Seither gilt er als finanziell saniert. Eine Weile bleibt er angestellter Geschäftsführer, bevor Ron Sommer ihn nach Bonn holt. Eigentlich ist der heute 43-Jährige ein Fremdkörper in der Konzernkultur: Offen, direkt – und für den Geschmack einiger Telekom-Manager bei Führungskräftetreffen zu aggressiv, was ihm den Spitznamen „der Bulldozer“ einbringt.

Doch seine Einwände sind in der Regel berechtigt, basieren auf profundem Wissen – tritt er doch stets aufs Beste vorbereitet bei wichtigen Gesprächen auf, hat vorher alle Eventualitäten durchdekliniert und sich mit Zahlen und Argumenten gewappnet.

Der Mann ist Perfektionist und nie so richtig zufrieden. Das sieht man ihm an: Wenn er mal wieder Klagen über Warteschlangen bei der Hotline hört, über inkompetente Beratung und schlechten Service, dann wird er rot, holt tief Luft und ringt mühsam nach Worten. „Am liebsten würde er sich dann den Schuldigen sofort vorknöpfen und das Problem schleunigst aus der Welt schaffen“, erzählt ein ehemaliger Freund. Aber das gehe nun mal nicht so einfach bei der Telekom. Das bringe Obermann zur Weißglut.

Doch er hat dazugelernt – im Umgang mit dieser Mammutbehörde, mit dem Bund im Rücken, der sich als größter Anteilseigner einmischt. „Er ist immer noch ein Unternehmer-Typ, aber einer, der auch diplomatisches Geschick an den Tag legt“, verlautet aus der T-Mobile-Kreisen, „und einer, der erkannt hat, dass der Umbau der Telekom eine Generationenaufgabe darstellt.“

Für Ricke sollte Obermann zuletzt den Feuerwehrmann spielen. Nachdem die Festnetz-Sparte im ersten Halbjahr 2006 eine Million Kunden verloren hatte, bekam der Mobilfunkvorstand einen Zusatzjob: Er sollte den Festnetz-Vertrieb auf Vordermann bringen. Keine Frage, auch diesen Job ist er ganz nach dem „Prinzip Obermann“ angegangen. Mit Energie und Besessenheit, aber auch mit der nötigen Bodenhaftung. „Er ist ein Arbeitstier und ein Maniac“, sagt einer, der früher mit ihm zusammenarbeitete. Als erstes hat sich Obermann das „Telekom-Hasserbuch“ besorgt und von vorne bis hinten durchgelesen. Danach ist er inkognito in T-Punkte gefahren. Und hat dabei Zustände erlebt, die er unbedingt ändern will. Die Wartezeiten seien viel zu lang, ein Kunde im T-Punkt wolle nicht mehr als 2,38 Minuten auf einen freien Berater warten.

Obermann hat bislang jede Aufgabe erfolgreich zu Ende gebracht. Und Obermann ist stets Ricke gefolgt. Eine dieser Serien wird in den nächsten Jahren zu Ende gehen.

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