Der 74-Jährige Eigentümer der Spielwarenmarke Playmobil will es nochmal wissen. 26 Millionen investierte er in eine Fabrik, die Blumenkübel herstellt. Was unter Mitarbeitern und Branchenkennern zunächst auf Kopfschütteln stieß, erwies sich als goldrichtig.
ZIRNDORF. Einerseits lebt Horst Brandstätter fast wie ein Ruheständler. Der 74-Jährige kommt erst am späten Vormittag ins Büro. Gegen 13 Uhr verabschiedet er sich schon wieder und fährt auf den Golfplatz.
Andererseits gibt der Eigentümer der Spielwarenmarke Playmobil noch einmal richtig Gas. Gerade investiert er 26 Millionen Euro in eine Fabrik. Brandstätter will neben dem Geschäft mit den bunten Plastikfiguren ein zweites Standbein für seine Firma aufbauen. Mit Blumenkübeln aus Plastik will er sich unabhängiger machen vom Spielzeugmarkt.
Das verschlingt viel Geld und kostet Nerven. „Doch was soll ich machen?“ fragt Brandstätter. „Die Firma ist mein Leben, und ich will optimale Voraussetzungen schaffen, dass sie nach mir lange Bestand hat.“
Kunststoff-Sandaletten, dunkle Socken, ein blauer Pullover über dem Hemd und Hund Emma an der Seite: Deutschlands erfolgreichster Spielwarenfabrikant schert sich nicht viel um Etikette. Nur an diesem Donnerstagabend wird das für ein paar Stunden anders sein. Dann kommt Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein in die Playmobil-Zentrale nach Zirndorf, und mit vielen Gästen wird Brandstätter in seinen 75. Geburtstag hineinfeiern. In Anzug und Krawatte, versteht sich.
Trotzdem. Große Auftritte sind Brandstätters Sache nicht. Früher, so heißt es in seiner Heimat nahe bei Nürnberg, sei er aufbrausend und bisweilen cholerisch gewesen, kurz, ein unberechenbarer Patriarch. Als er Anfang der 90er-Jahre beschloss, den Winter in Florida zu verbringen, da galt er auch noch als Exzentriker.
Doch inzwischen ist er bedächtig. Oft gönnt er sich eine lange Bedenkzeit, bevor er redet. Immer laufen seine Gedanken aber auf einen Punkt hinaus: In einem letzten Kraftakt will er sein Unternehmen fit für die Zukunft machen.
„Lechuza“ heißt die Marke, unter der Brandstätter hochwertige Blumenkübel aus Plastik herstellt. Der Clou an den Gefäßen: Die Pflanzen müssen wochenlang nicht gegossen werden, weil das Wasser in einem Tank gespeichert und dann langsam abgegeben wird. Brandstätter: „Es muss nicht sein, dass man jeden Tag mit der Gießkanne rennt.“
Er fertigt nicht irgendwo, sondern nur ein paar Kilometer von seiner Zentrale entfernt in Dietenhofen. Dort steht auch das Stammwerk von Playmobil. Mit Lechuza hat er im vergangenen Jahr 22 Millionen Euro umgesetzt. In diesem Jahr sollen es schon mehr als 30 Millionen Euro werden. Zuletzt konnte er lange nicht so viel liefern, wie er hätte verkaufen können. Aber noch macht er mit Playmobil sein Hauptgeschäft. Im zurückliegenden Jahr waren es 427 Millionen Euro, zwölf Prozent mehr als 2006. Seit Jahren verteidigt er so die Position von Playmobil als Deutschlands führender Spielwarenmarke.
Als Brandstätter Anfang des neuen Jahrtausends ankündigte, ins Geschäft mit Blumenkübeln einzusteigen, da hätten viele Mitarbeiter den Kopf geschüttelt, heißt es in der Zentrale. Und auch in der Spielwarenbranche hielt so mancher Beobachter die Pläne für, vorsichtig ausgedrückt, sehr verwegen.
Doch der Unternehmer ließ sich nicht beirren, baute ein nagelneues Werk. Das Geschäft wuchs rasant. Und inzwischen zollen ihm die Skeptiker – im eigenen Haus und in der Spielzeugbranche – Respekt. Knapp 2 900 Leute beschäftigt der Mittelständler, davon mehr als die Hälfte in Deutschland.
Sein Aufstieg ist legendär: Anfang der 70er-Jahre entwirft Brandstätter mit seinem Entwickler Hans Beck das erfolgreichste deutsche Spielkonzept der Nachkriegszeit. „Aus einer Zwangslage heraus“, wie er heute zugibt, weil die Ölkrise vor fast 40 Jahren das plastikverarbeitende Unternehmen in den Ruin zu treiben droht.
Mit den unverwüstlichen, bunten Kinder-Figuren schaffen die beiden Männer eine renditestarke und – wie sich in jüngster Zeit wieder gezeigt hat – konjunkturunempfindliche Einnahmequelle. Brandstätter gelingt, was die meisten Wettbewerber hierzulande nicht geschafft haben: die Produktion in Deutschland zu halten und den Familienbesitz zu wahren.
Viele große Marken aus der für ihr Spielzeug bekannten Region Nürnberg, zuletzt der Modelleisenbahnbauer LGB, gingen pleite oder wurden verkauft. So erging es auch dem langjährigen Fürther Playmobil-Rivalen Big mit seinen roten Rutschautos, der inzwischen zu Simba Toys gehört.
Längst hat der Fabrikant die operative Führung abgegeben. Zu seinem Top-Management halte er engen Kontakt, heißt es in Zirndorf. Mit den übrigen Mitarbeitern aber habe er nur noch wenig zu tun. Auch nach außen tritt Brandstätter kaum noch auf, schickt lieber seine Geschäftsführerin Andrea Schauer vor.
Nur vor einigen Jahren, als er sich von seiner Frau scheiden ließ, da schaffte er es bis in die „Bild“-Zeitung. Damals stand der Fortbestand der Firma auf dem Spiel. Wenn die Trennung nach US-Recht über die Bühne gegangen wäre, hätte er womöglich seine Gattin auszahlen müssen. Doch alles ging glimpflich aus.
Spätestens seitdem ist klar, dass sein Sohn nicht das Unternehmen erben wird. Brandstätter überträgt sein Lebenswerk einer Stiftung, die sich um Kinder kümmern soll.
