Managerallüren passen nicht dazu. Auf ein pompöses Vorzeigebüro mit Riesenschreibtisch verzichtet Doris Höpke. Sie sitzt, umringt von Fachliteratur, in einem zweckmäßigen Einzelraum. Als einzige Extravaganz muss ein Globus herhalten. Aber selbst so einen sieht man oft in den umliegenden Managerbüros. Bei der Münchener Rück hat man die Welt gern im Blick. Denn wenn Hurrikans ganze Industrieanlagen verwüsten, Flugzeuge eine Bauchlandung hinlegen oder ein Regierungswechsel zur Beschlagnahme eines Kraftwerks führt, stehen die Münchener finanziell gerade. Das kann, im schlimmsten Fall, teuer werden. Die Tragödie des 11. September 2001 schlug für die Rückversicherer mit 2,5 Milliarden Dollar zu Buche. Gut, dass das Geschäft langfristig ausgelegt ist. Seit 1880 sichert man hier Risiken ab. Als das Erdbeben in San Francisco 1906 weltweit Versicherungen in den Konkurs trieb, war die Münchener Rück die einzige Versicherung, die nach der Regulierung aller Schäden noch zahlungsfähig war. In Anspielung auf Gründer Carl von Thieme hieß es damals „Thieme is money“.
Der Boss von damals residierte um 1920 bereits in der repräsentativen Firmenzentrale in der Münchener Königinstraße. Nicht weit von hier, in einem mit dem Hauptgebäude durch einen Tunnel verbundenen Nachbargebäude, hat Doris Höpke im vierten Stock ihr Büro. Wenn sie das Fenster aufmacht, hört sie Vogelgezwitscher aus dem Englischen Garten. Die Ruhe hilft, Entscheidungen von Tragweite zu treffen, Entscheidungen, die immer größere Teams betreffen. Je höher Höpke stieg, desto mehr Kollegen hatte sie unter sich, deren Arbeit sie koordinierte.
Dieses Delegieren musste Doris Höpke erst lernen. „Ich bin einfach darauf angewiesen, dass die Mitarbeiter ihren Job perfekt beherrschen. Da ist kein Einziger, den ich ersetzen kann.“ Eine gewisse Gelassenheit gehört dazu, sagt sie. Man muss es ertragen können, nicht mehr bei jedem operativen Vorgang dabei zu sein. Inhaltliche Distanz schaffen und trotzdem mit dem Ergebnis zufrieden zu sein, um es bewerten zu können – so nennt Höpke das. Bei „Gloria“ beispielsweise hat es genau so geklappt. Die Abkürzung steht für „Global Reinsurance Application“, es ist eine Art Plattform für den weltweiten Datenabgleich im Unternehmen. Mit diesem System verhindert die Münchener Rück, sich eine Ballung von Einzelrisiken in die Bücher zu holen. Vor einem Jahr wurde das System eingeführt, seitdem läuft es reibungslos. Der Erfolg wird hausintern auch Doris Höpke hoch angerechnet.
Dass trotz aller Fleißarbeit auch Glück dazu gehört, verschweigt sie nicht. „Da muss irgendwo in der richtigen Runde jemand sein, der deinen Namen fallenlässt. Das Wohlwollen einer Umgebung gehört dazu, klar.“ Höpke hatte diese Fürsprecher. Bei jeder Station gab es jemanden, der es gut mit ihr meinte. Wenn sie eine Powerfrau ist, dann eher eine stille Version. Mit dem Klischee kann sie ohnehin wenig anfangen. „Wenn Powerfrau bedeutet, dass eine viel Energie in den Job steckt, dann ist es positiv. Wenn es eine ist, die ihre Umgebung überrollt, dann ist es negativ.“ Klischees zu widerlegen oder vermeintliche Erwartungen zu erfüllen, damit hält sich Doris Höpke nicht auf. Die von Arbeitspsychologen gern zitierte „gläserne Decke“, die Frauen den Weg nach ganz oben durch unsichtbare Barrieren versperrt, hat sie nie erlebt. In beinahe allen Positionen, die sie erreichte, war ihr Vorgänger ein Mann und viel älter. Eines, davon ist sie überzeugt, ist ohnehin immer gleich. „Wenn man als Greenhorn in ein neues Team kommt, dauert es eine Weile, bis man ernst genommen wird. Mit dem Geschlecht hat das nichts zu tun.“ Dass man Frauen eher aus der Reserve locken muss, das glaubt sie schon. „Wenn eine Stelle neu besetzt werden soll, dann heben von acht Männern sechs die Hand und sagen: Ich will die Leitung. Dabei wissen sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, um was es geht.“
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