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19.10.2007 
Paul Polmann

Trostpflaster Amerika

von Ingo Reich

Paul Polmann wollte eigentlich die Nummer ein bei Nestlé werden. Nun gibt er sich mit dem Posten des Amerika-Chefs zufrieden – erst einmal. Er kann noch später an die Konzernspitze aufrücken. Seinen Posten als Finanzchef übernimmt James Singh.

Nestlés Personalpolitikt überraschtLupe

Nestlés Personalpolitikt überrascht

DÜSSELDORF. Eines macht er gleich klar. „Ich bleibe im Unternehmen.“ Obwohl Paul Polman gerade eine große Niederlage einstecken muss. Nicht er, der große Favorit, wird Chef des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, sondern sein Konkurrent Paul Bulcke.

Polman bleibt nach der Schlappe im September tatsächlich im Unternehmen. Aber er erhält einen neuen Job. Gestern gab Noch-Konzernchef Peter Brabeck-Letmathe bekannt, dass Polman die Verantwortung für das wichtige Amerika-Geschäft übernimmt – ein Trostpflaster für den Ex-Favoriten.

Als vor wenigen Wochen am Konzernsitz im schweizerischen Vevey die Entscheidung für Paul Bulcke als neuen Konzernchef fiel, herrschte große Überraschung. Die Börse reagierte erst einmal enttäuscht und schickte den Aktienkurs für kurze Zeit nach unten. Denn Paul Bulcke, der sich bis zur Bestätigung durch die Hauptversammlung im nächsten April noch um das Amerika-Geschäft kümmert, gilt zwar als exzellenter Regionalchef, aber auch als wenig charismatisch.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Besonnener Spitzenmanager

Nestlés Finanzvorstand Paul Polman, der vor zwei Jahren vom US-Konsumgüterhersteller Procter & Gamble an den Genfer See wechselte, war hingegen in der Öffentlichkeit lange der Favorit für den Spitzenposten. Die Wertpapieranalysten lieben seine klare Sprache und sein gradliniges Auftreten. Der 51-Jährige kommt auch außerhalb der Finanzwelt gut an. Denn der Niederländer präsentiert sich nicht als unterkühlter und penibler Zahlenakrobat, sondern als eher besonnener Spitzenmanager, der noch nie die Bodenhaftung verloren hat. Über sein soziales Engagement, das benachteiligten Kindern in Schwarzafrika gilt, verliert er in der Öffentlichkeit kaum ein Wort. Der verheiratete Vater von drei Kindern, der im niederländisch-deutschen Grenzgebiet in Enschede zur Welt kam, übt sich da in Bescheidenheit.

Dass Polman, nach seiner Niederlage im Rennen um den Platz des Vorstandsvorsitzenden, jetzt bei Nestlé bleibt, wird ihm ebenfalls hoch angerechnet. Konzernchef Peter Brabeck übertrug dem promovierten Juristen nun das Amt des Amerika-Chefs, das er als Nachfolger von Bulcke im nächsten Frühjahr antreten wird.

Dabei ist der Wechsel, der keineswegs als Abschiebung zu verstehen ist, offenbar Teil eines Deals mit der Nestlé-Spitze. Zwar schaffte es der passionierte Marathonläufer in den 26 Jahren, die er für Procter & Gamble arbeitete, bis zum Europa-Chef des US-Konzerns. Aber das reicht dem Verwaltungsrat offensichtlich (noch) nicht als Qualifikation für den Top-Posten in Vevey. Deshalb soll Polman jetzt offensichtlich in Nord- und Südamerika, der größten und profitabelsten Region des Nahrungsmittelmultis, die Erfahrungen im operativen Geschäft sammeln, die ihm für Höheres fehlen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Starke Führungspersönlichkeit

Deshalb fiel die Wahl zum künftigen Konzernchef auf Paul Bulcke, den Brabeck denn auch als „starke, pragmatische Führungspersönlichkeit“ lobte. Ein Mann, so richtig nach dem Geschmack des Nestlé-Verwaltungsrates. Ebenso wie sein Vorgänger, der als Chef des Aufsichtsgremiums weiter die Kontrolle über den Konzern behält, hat er sich hochgearbeitet. Vor fast dreißig Jahren begann der Belgier beim Nahrungsmittelmulti als Marketing-Trainee in der Zentrale. Nach einem Aufenthalt in Südamerika stieg der heute 53-Jährige vom Länderchef in Portugal und in Tschechien zum Deutschland-Chef auf.

Hier trat er die Nachfolge des mit wenig Fortüne gesegneten Hans Güldenberg an, der fortan das Nestlé-Geschäft in Russland und Kasachstan voranbringen sollte. So sehen Karrierebrüche beim Multi aus. Als Deutschland-Chef verhielt sich Bulcke außerordentlich geschickt. So mied er, anders als sein Vorgänger, zunächst jeglichen Kontakt mit der Presse und konzentrierte sich ganz auf die Neuordnung des Geschäftes.

Daher kam die Öffentlichkeit kaum in den Genuss von Kostproben seines trockenen Humors. Trotz aller Herkules-Arbeit in Deutschland und später in Nord- und Südamerika, kann Bulcke beim Konsum einer guten Zigarre durchaus Entspannung finden. Im Schatten von Konzernlenker Brabeck oder dem Ehrenvorsitzenden Helmut Maucher konnte Bulcke aber genauso wie sein Konkurrent Polman noch nicht das Charisma eines Firmenpotentaten entwickeln.

Trotzdem dürften die weiteren gestern von Brabeck bekanntgegebenen Personalien aufs Engste mit Bulcke abgestimmt sein.So wird Marc Caira Leiter des in Nestlé Professional umbenannten Food-Services. Richard Laube steigt zum Generaldirektor der Nutrition-Sparte auf und John Harris übernimmt von Carlo Donati, der in den Ruhestand wechselt, die Verantwortung für Nestlé Waters.

Neben der Polman-Personalie gab es gestern noch eine wichtige Neuigkeit: James Singh, bisher für die Umsetzung der Akquisitionen verantwortlich, wird Nestlé-Finanzchef. Der 61-jährige Kanadier mit indischen Vorfahren gilt in der Finanzöffentlichkeit als weitgehend unbeschriebenes Blatt. Singh, Bulcke und Polman nannte der Noch-Konzernchef Brabeck gestern „ein starkes Team“. Es wird sich zeigen, ob sich Polman am Schluss als der Stärkere im Team erweisen wird.

Vita

1956

Paul Polmann wird in Enschede/Niederlande geboren. Er studiert Wirtschaft in Groningen/Niederlande und Cincinnati/USA.

1979

Er arbeitet bei verschiedenen Unternehmen im Finanzbereich in Belgien, Holland und Frankreich.

1986

Er wechselt zum Konsumgüterkonzern Procter & Gamble (P&G).

1995

Polman steigt zum Vice President von P&G in Großbritannien auf.

2001

Er wird Group President für P&G in Europa.

2006

Polman wird Finanzvorstand beim Lebensmittelriesen Nestlé.

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