Sie ist eine der mächtigsten Akteurinnen auf dem internationalen Kunstmarkt. Ohne die Sotheby's-Frau Cheyenne Westphal, die für alles verantwortlich ist, was das Auktionshaus im Bereich der zeitgenössischen Kunst in Europa veranstaltet, wäre Gerhard Richter vielleicht nicht der teuerste lebende Künstler geworden. Nun steigt Westphals neuester Coup.
HB. Es soll die größte Charity-Auktion der Geschichte werden. Wenn in der nächsten Woche bei Sotheby’s in New York einhundert Werke zeitgenössischer Künstler für den Kampf gegen Aids versteigert werden, sollen 20 Millionen Dollar zusammen kommen, eher 30 bis 40 und mehr. Damien Hirst und Jeff Koons, die Kunst-Millionäre der 90er haben Werke zur Verfügung gestellt, die deutschen Altstars Georg Baselitz und Anselm Kiefer, ein C-Print des deutschen Fotokünstler Andreas Gursky ist zu ersteigern, eine Video-Arbeit von Bill Viola, ein signiertes Blatt des Verpackungskünstlers Christo und eine zerhackte rote Telefonzelle des britischen Streetart-Künstlers Banksy.
Die Frau hinter „The (RED) Auction“ am Valentinstag ist eine junge Deutsche. „Bono und Damien Hirst hatten die Idee im Urlaub“, erzählt Cheyenne Westphal, Chairman of Contemporary Art bei Sotheby’s in London, mit der Selbstverständlichkeit derer, die von den Stars der Kunstwelt nur einen Telefonanruf entfernt sind. Hirst, der selbst ein großformatiges „All you need is love“-Herz (1 bis 1,5 Millionen Dollar) und mehrere andere Werke beisteuert, schrieb die Bettelbriefe an die Künstlerkollegen, Westphal machte den Rest. Bei Sotheby’s weiß man eben, wie man eine Auktion veranstaltet und potenziellen Kunden viel, manchmal sehr viel Geld aus der Tasche lockt.
Die 40-jährige Deutsche ist seit 1990 bei Sotheby’s und seit 1999 verantwortlich für alles, was das Auktionshaus im Bereich der zeitgenössischen Kunst in Europa macht. (Picasso gehört schon in eine andere Schublade, ganz zu schweigen von den Impressionisten, die früher Auktionsrekorde garantierten.) Und alles, was sie und ihr Team in der Londoner New Bond Street machen – Sammler treffen, potenzielle Käufer und Verkäufer, Kunstwerke suchen und schätzen, den Katalog zusammenstellen – alles kulmininiert in den großen Auktionen im Frühjahr und Herbst. Und kaum jemand ist hier so erfolgreich wie sie.
Der von Westphal verantwortete „Sotheby’s Contemporary Art Evening Sale“ im letzten Herbst brachte 35 Millionen Pfund ein, das beste Ergebnis jemals, und dreimal mehr als im Vorjahr. Das teuerste Werk der Abendauktion wurde mit 2,9 Millionen Pfund zugleich das teuerste Werk eines zeitgenössischen Künstlers aus China, und insgesamt schlug bei einem Dutzend „Losen“ der Hammer erst bei über einer Million zu. Eine Installation des britischen Starkünstlers Hirst versteigerte Sotheby’s im vergangenen Juni für den Rekordpreis von 9,6 Millionen Pfund.
Überhaupt war es ein phantastisches Jahr für Sotheby’s. Der „Rockefeller-Rothko“, eine 205 mal 141 Zentimeter messende Leinwand des US-Künstlers Mark Rothko aus der Sammlung von David Rockefeller, brachte im Mai in New York 65 Millionen Dollar und war damit der teuerste Kunstverkauf des vergangenen Jahres weltweit. Und mit 316 Millionen Dollar brachte die große Auktion zeitgenössischer Kunst in New York im November vergangenen Jahres das beste Ergebnis in der 263-jährigen Geschichte des Auktionshauses.
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Keine Frage: Der Markt für zeitgenössische Kunst ist heiß gelaufen und niemand weiß, wie lange das so weitergehen kann. „Aber es gibt heute auch viel mehr potenzielle Käufer“, gibt Westphal zu bedenken, wenn man sie fragt, wann die Spekulationsblase platzen wird und der Markt, wie 1990/91 schon einmal, brutal zusammenbricht. Auch in China, Hongkong, Russland und den arabischen Golf-Staaten gibt es heute kaufkräftige Sammler.
Als Westphals größten Erfolg preist Sotheby’s Gerhard Richter. Dessen „Wolkenstudie“, die Westphal 2002 bei Sotheby’s in London zur Versteigerung brachte, erzielte 1,9 Millionen Pfund, der höchste Preis, der bis dahin jemals für ein Werk des deutschen Künstler bezahlt worden war. Natürlich: Der heute 75-Jährige, der im vergangenen Jahr noch einmal mit seinem Glasfenster für den Kölner Dom in die Schlagzeilen kam, war bereits eine etablierte Größe im internationalen Kunstbetrieb als Westphal noch nicht einmal Abitur hatte. Und natürlich bedeutete die große Richter-Retrospektive, die das Museum of Modern Art in New York 2002 ausrichtete, so etwas wie die Kanonisierung. Aber erst als Westphal im Jahre1996 Richter zum ersten Mal auf das Cover eines Sotheby’s-Katalogs hievte, begann die sagenhafte Preisspirale. „Es wäre bestimmt nicht so schnell gegangen“, sagt Westphal. Heute ist kein guter Richter unter einer Million zu bekommen.
Westphal hat Richter nicht „gemacht“, ja nicht einmal entdeckt – aber sie hat ausfindig gemacht, wo sich die wichtigsten Richter-Arbeiten befinden, was für den sekundären Kunstmarkt noch viel wichtiger ist und einen Teil ihres großen Erfolgs ausmacht. Denn schon längst warten die großen Auktionshäuser wie Christie’s, Sotheby’s, Philipps de Pury nicht mehr darauf, dass Kunstwerke eingeliefert werden; sie suchen sehr aktiv nach Kunstwerken, die sie zur Auktion bringen möchten. „Wahrscheinlich weiß niemand auf der Welt so gut wie Cheyenne Westphal, wo sich die wichtigsten Richter-Arbeiten befinden und sie kennt auch die meisten Sammler persönlich“, sagt ein Konkurrent. Das ist das Kapital, das sie nutzbar gemacht hat.
Zwei Tage in der Woche ist Westphal in Europa unterwegs und besucht Sammler. „Es geht nichts über den persönlichen Kontakt.“ Manchmal geht es nur darum, allgemein über den Kunstmarkt zu sprechen, manchmal um konkrete Kunstwerke und Verkäufe. „Die Arbeit an einer großen Auktion beginnt am Tag nach der Auktion“, erklärt Westphal. „Da fangen Sie wieder bei Null an.“ Aber nicht ganz: „Es gibt so etwas wie eine Traumauktion, die Sie im Kopf haben, eine Mischung aus toller Qualität und wirklichen Werten und jung, hipp und gefragt.“ Daran wird permanent gearbeitet. „In jedem Monday Morning Meeting fragen wir uns: Welchen Künstler wollen wir? Und welcher Sammler hat was?“
Diese kollektive Datenbank ist der eine Teil des Erfolgsgeheimnisses. Der andere ist das Gespür für den Zeitgeschmack. „Ein vierzigjähriger Hedgefonds-Manager, der heute Kunst kauft, will sich mit signifikanten Arbeiten seiner Generation umgeben“, erklärt Westphal. Ein Monet bei einem jungen erfolgreichen Banker, selbst ein Picasso, wirkten heute wohl eher lächerlich.
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Was das heißt, zeigt Westphals vielleicht bemerkenswertester Coup: Im Jahr 2004 versteigert Sotheby’s das gesamte Interieur von Damien Hirsts Restaurant „Pharmacy“ in Notting Hill. 1998 eröffnet, war es rasch zum Symbol und Inbegriff von „Cool Britannia“ geworden. Die gesamte Innenausstattung bis hin zu Gläsern, Geschirr und Barhockern hatte der 1965 geborene Künstler entworfen. Ein fulminanter Verkaufserfolg: 11 Millionen Pfund. Man muss Hirst nicht für den größten zeitgenössischen Künstler halten. Tatsache aber ist, dass es wohl kaum ein Magazin gibt, das nicht seine beiden bekanntesten Werke, den in Formaldehyd eingelegten Tigerhai (1991) und den mit 8601 Diamenten besetzter Totenschädel (2007) abgedruckt hat. Westphal hat ganz offensichtlich den richtigen Riecher gehabt.
Kein Einzelfall. Im letzten Herbst brachten bei der wichtigsten Sotheby’s-Auktion für zeitgenössische Kunst nicht die Altstars wie Francis Bacon, David Hockney, Gerhard Richter, Mark Rothko oder Andy Warhol die höchsten Preise. Den Rekord des Tages erzielte mit 2,9 Millionen Pfund eine Arbeit des 1962 geborenen chinesischen Künstlers Yue Minjun, die selbst nur zehn Jahre alt ist. Das ist zugleich die höchste Summe, die jemals für einen lebenden chinesischen Künstler bezahlt worden ist. Und dabei blieb es an diesem 12. Oktober 2007 nicht: Eine Arbeit des Inders Raquib Shaw, für 400 000 bis 600 000 Pfund angesetzt, erzielte 2,7 Millionen Pfund, auch das ein „Weltrekord“ für einen indischen Künstler. Die Gewichte auf dem Weltmarkt der Kunst verschieben sich, Westphal ist dabei.
So ist es nicht verwunderlich, dass das Kunstmagazin „ArtReview“ Westphal seit einigen Jahren zu den 100 wichtigsten Menschen des internationalen Kunstmarktes zählt – mit aufsteigender Tendenz. Das jüngste „The Art-Review Power 100“-Ranking, das auch vom einflussreichen „Wall Street Journal“ veröffentlicht wird, sieht die Kunstfrau auf Platz 18.
Bemerkenswerterweise ist Kunst der Apothekerstochter aus Baden-Baden nicht in die Wiege gelegt worden. „Als ich Abitur machte, hatte ich keine Ahnung, was ich einmal beruflich machen sollte, vielleicht Modedesign studieren oder eine Schneiderlehre machen.“ Eine Kundin ihres Vaters brachte sie auf die Idee, für einige Monate an die schottische Universität St. Andrews zu gehen, um ihr Englisch zu verbessern und über ihre Zukunft nachzudenken. Westphal, damals die einzige Deutsche an der schottischen Eliteuniversität, gefiel die persönliche Atmosphäre der 4 000-Studenten-Hochschule und blieb. Kunstgeschichte und Business Studies belegte sie bis zum Bachelor. Danach gab ihr ein Stipendium – „allein hätte ich die 10 000 Dollar Studiengebühren nicht aufbringen können“ – die Möglichkeit, einen Master an der University of California at Berkeley zu machen, weltweit eine der Spitzenhochschulen in der Beschäftigung mit moderner Kunst. Das wurde so etwas wie ein Aha-Erlebnis: „Mir wurde klar, dass Kunst auch frisch und neu sein und unsere Zeit bedeuten kann. Das wollte ich machen.“ Mehr allerdings nicht: „Ich wusste immer noch nicht so richtig, was die Kunstwelt ist.“ Da sie wegen des ablaufenden Studentenvisums nicht in den USA bleiben konnte, bewarb sie sich für das Graduate Trainee Programme bei Sotheby’s in London. Und wurde als eine von sieben unter 2 000 Bewerbern genommen!
Westphal war 23 Jahre jung, enthusiastisch, sprach Deutsch, Englisch, Französisch und brachte diese Mischung aus Fachwissen und leichtem menschlichen Kontakt mit, die man für ihren Job braucht. „Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes im Keller angefangen“, erzählt sie über die Anfänge ihrer Karriere bei Sotheby’s, dort, wo das Auktionshaus die Kunstwerke aufbewahrt, die zur Versteigerung kommen sollen. „Abmessen, Katalogisieren, Provinienz bestimmen, Preisrecherchen – damit hat es begonnen.“ En passant lernte Westphal auch etwas anderes: „Wenn Sie zehn Stunden am Tag mit Kunst zu tun haben, bekommen sie ganz automatisch einen Blick für Qualität.“ Vielleicht. Viel wichtiger aber war wohl, dass Westphal begriff, worauf es im Kunstgeschäft wirklich ankommt: Welche Künstler sind gefragt? Welche sind auf dem Markt zu bekommen?
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Ihr fulminanter Aufstieg zu einem der wichtigsten Akteure auf dem internationalen Kunstmarkt hat zweifellos auch damit zu tun, dass Westphal zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. „Als ich 1992 in das Contemporary Art Department ging, war das bei Sotheby’s nur ein kleiner Bereich“, sagt die Chefin rückblickend. So hatte sie das Glück, das gerade dieses Segment des Kunstmarktes in den 90er Jahren förmlich explodiert ist. Aber sie hatte auch den Mut, ins kalte Wasser zu springen. „Ich bin Ende 1992 zu meinem ersten Kundenbesuch nach Stockholm geflogen, ganz allein und ohne viel mehr als einer Straßenkarte, ganz einfach, weil sonst niemand da war.“
Aus ihrer Zeit im Sotheby’s-Keller hat sich Cheyenne Westphal einen atemberaubend nonchalanten Umgang selbst mit den teuersten Kunstwerken bewahrt. Einen millionenschweren Picasso lässt sie für den Handelsblatt-Besucher ohne mit der Wimper zu zucken, von der Wand nehmen und im Keller, dort wo ihre Sotheby’s-Karriere begann, zieht sie die teuersten Warhols, hier zu ungerahmten, bemalten Leinwänden zwischen Pappkartons reduziert, mit bloßen Händen aus dem Regal. „Ja, manche Besucher sind schockiert, dass wir die Leinwände mit bloßen Händen anfassen“, lächelt Westphal, „aber bei Sotheby’s war das schon immer so“.
Es sind solche Momente, in denen die 40-Jährige ihren mädchenhaften Charme anknipst. Aber das Unprätentiös-Ehrliche ist echt. „Es gibt auch viel Kunst, die ich verkaufe, die mir gar nichts sagt und mir nichts bedeutet.“ Und auch Sammler, die sie mehr oder weniger mag. „Es gibt Sammler, die Qualität wollen und Deals, die mir lieber sind als andere. Aber man muss schnell erkennen, wie man mit einem Sammler umgehen muss. Ich kann so oder so.“ Dazu gehört auch der richtige Look: Die gertenschlanke Blondine gibt, wenn es sein muss, das perfekte Prada-Girl ab, aber es gibt auch Tage, an denen die sündhaft teueren Designer-Klamotten der allein erziehenden Mutter den Kampf gegen die Knitterfalten verloren haben.
„Kunstbesitz ist nur temporär“, sagt Westphal und freut sich, dass sie einige Monate lang Richters „Kerze“ in ihr Büro hängen konnte, die nun für mindestens zwei Millionen Pfund unter den Hammer kommen soll. „Früher oder später landet jedes Werk von kunsthistorischer Bedeutung in einer öffentlichen Sammlung.“ Manchmal dauert es nur einige Auktionen bei Sotheby’s länger.
