Keine Frage: Der Markt für zeitgenössische Kunst ist heiß gelaufen und niemand weiß, wie lange das so weitergehen kann. „Aber es gibt heute auch viel mehr potenzielle Käufer“, gibt Westphal zu bedenken, wenn man sie fragt, wann die Spekulationsblase platzen wird und der Markt, wie 1990/91 schon einmal, brutal zusammenbricht. Auch in China, Hongkong, Russland und den arabischen Golf-Staaten gibt es heute kaufkräftige Sammler.
Als Westphals größten Erfolg preist Sotheby’s Gerhard Richter. Dessen „Wolkenstudie“, die Westphal 2002 bei Sotheby’s in London zur Versteigerung brachte, erzielte 1,9 Millionen Pfund, der höchste Preis, der bis dahin jemals für ein Werk des deutschen Künstler bezahlt worden war. Natürlich: Der heute 75-Jährige, der im vergangenen Jahr noch einmal mit seinem Glasfenster für den Kölner Dom in die Schlagzeilen kam, war bereits eine etablierte Größe im internationalen Kunstbetrieb als Westphal noch nicht einmal Abitur hatte. Und natürlich bedeutete die große Richter-Retrospektive, die das Museum of Modern Art in New York 2002 ausrichtete, so etwas wie die Kanonisierung. Aber erst als Westphal im Jahre1996 Richter zum ersten Mal auf das Cover eines Sotheby’s-Katalogs hievte, begann die sagenhafte Preisspirale. „Es wäre bestimmt nicht so schnell gegangen“, sagt Westphal. Heute ist kein guter Richter unter einer Million zu bekommen.
Westphal hat Richter nicht „gemacht“, ja nicht einmal entdeckt – aber sie hat ausfindig gemacht, wo sich die wichtigsten Richter-Arbeiten befinden, was für den sekundären Kunstmarkt noch viel wichtiger ist und einen Teil ihres großen Erfolgs ausmacht. Denn schon längst warten die großen Auktionshäuser wie Christie’s, Sotheby’s, Philipps de Pury nicht mehr darauf, dass Kunstwerke eingeliefert werden; sie suchen sehr aktiv nach Kunstwerken, die sie zur Auktion bringen möchten. „Wahrscheinlich weiß niemand auf der Welt so gut wie Cheyenne Westphal, wo sich die wichtigsten Richter-Arbeiten befinden und sie kennt auch die meisten Sammler persönlich“, sagt ein Konkurrent. Das ist das Kapital, das sie nutzbar gemacht hat.
Zwei Tage in der Woche ist Westphal in Europa unterwegs und besucht Sammler. „Es geht nichts über den persönlichen Kontakt.“ Manchmal geht es nur darum, allgemein über den Kunstmarkt zu sprechen, manchmal um konkrete Kunstwerke und Verkäufe. „Die Arbeit an einer großen Auktion beginnt am Tag nach der Auktion“, erklärt Westphal. „Da fangen Sie wieder bei Null an.“ Aber nicht ganz: „Es gibt so etwas wie eine Traumauktion, die Sie im Kopf haben, eine Mischung aus toller Qualität und wirklichen Werten und jung, hipp und gefragt.“ Daran wird permanent gearbeitet. „In jedem Monday Morning Meeting fragen wir uns: Welchen Künstler wollen wir? Und welcher Sammler hat was?“
Diese kollektive Datenbank ist der eine Teil des Erfolgsgeheimnisses. Der andere ist das Gespür für den Zeitgeschmack. „Ein vierzigjähriger Hedgefonds-Manager, der heute Kunst kauft, will sich mit signifikanten Arbeiten seiner Generation umgeben“, erklärt Westphal. Ein Monet bei einem jungen erfolgreichen Banker, selbst ein Picasso, wirkten heute wohl eher lächerlich.
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