Ihr fulminanter Aufstieg zu einem der wichtigsten Akteure auf dem internationalen Kunstmarkt hat zweifellos auch damit zu tun, dass Westphal zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. „Als ich 1992 in das Contemporary Art Department ging, war das bei Sotheby’s nur ein kleiner Bereich“, sagt die Chefin rückblickend. So hatte sie das Glück, das gerade dieses Segment des Kunstmarktes in den 90er Jahren förmlich explodiert ist. Aber sie hatte auch den Mut, ins kalte Wasser zu springen. „Ich bin Ende 1992 zu meinem ersten Kundenbesuch nach Stockholm geflogen, ganz allein und ohne viel mehr als einer Straßenkarte, ganz einfach, weil sonst niemand da war.“
Aus ihrer Zeit im Sotheby’s-Keller hat sich Cheyenne Westphal einen atemberaubend nonchalanten Umgang selbst mit den teuersten Kunstwerken bewahrt. Einen millionenschweren Picasso lässt sie für den Handelsblatt-Besucher ohne mit der Wimper zu zucken, von der Wand nehmen und im Keller, dort wo ihre Sotheby’s-Karriere begann, zieht sie die teuersten Warhols, hier zu ungerahmten, bemalten Leinwänden zwischen Pappkartons reduziert, mit bloßen Händen aus dem Regal. „Ja, manche Besucher sind schockiert, dass wir die Leinwände mit bloßen Händen anfassen“, lächelt Westphal, „aber bei Sotheby’s war das schon immer so“.
Es sind solche Momente, in denen die 40-Jährige ihren mädchenhaften Charme anknipst. Aber das Unprätentiös-Ehrliche ist echt. „Es gibt auch viel Kunst, die ich verkaufe, die mir gar nichts sagt und mir nichts bedeutet.“ Und auch Sammler, die sie mehr oder weniger mag. „Es gibt Sammler, die Qualität wollen und Deals, die mir lieber sind als andere. Aber man muss schnell erkennen, wie man mit einem Sammler umgehen muss. Ich kann so oder so.“ Dazu gehört auch der richtige Look: Die gertenschlanke Blondine gibt, wenn es sein muss, das perfekte Prada-Girl ab, aber es gibt auch Tage, an denen die sündhaft teueren Designer-Klamotten der allein erziehenden Mutter den Kampf gegen die Knitterfalten verloren haben.
„Kunstbesitz ist nur temporär“, sagt Westphal und freut sich, dass sie einige Monate lang Richters „Kerze“ in ihr Büro hängen konnte, die nun für mindestens zwei Millionen Pfund unter den Hammer kommen soll. „Früher oder später landet jedes Werk von kunsthistorischer Bedeutung in einer öffentlichen Sammlung.“ Manchmal dauert es nur einige Auktionen bei Sotheby’s länger.
