Wie es scheint, ist Faden der Mann für den Kulturwandel. Beim Stichwort „Kundenfokus“ funkelt es in seinen Augen. Der dreifache Familienvater hat dank seiner jahrelangen Vertriebserfahrung beste Kontakte zur Industriekundschaft. Seine erste berufliche Station war die Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei der Allianz in Köln. Damit kehrt er nun an seine Wurzeln zurück. Er startete dann 1972 beim Gerling-Konzern, zunächst in der Zentrale in Köln im Transportgeschäft, später in den Außenstellen. Im Unterschied zur Konkurrenz, die an den regionalen Standorten Niederlassungen als Ableger der Zentrale unterhält, setzte die verstorbene Versicherungslegende Hans Gerling auf ein Netz von GmbH-Töchtern in den Regionen. Deren Geschäftsführer stattete er mit dem nötigen Einfluss aus, um mit den Kunden „von Unternehmer zu Unternehmer auf Augenhöhe zu verhandeln“ – Gerlings Erfolgsrezept.
Faden geriert sich denn auch nicht wie ein klassischer Vertriebsmensch. Er verkörpert vielmehr den Unternehmertypen: eine durch und durch seriöse Erscheinung mit vollem weißen Haar, goldgeränderter Brille, makellos gebügeltem Hemd, Manschettenknöpfen und dezentem Auftreten. Hans Gerling duldete halt nichts als Perfektion um sich herum. Faden ist einer der letzten Vorstände, die noch von dem Patriarchen selbst bestellt worden sind.
Faden leitete den größten Standort von Deutschlands zweitgrößtem Industrieversicherer: Frankfurt. Zu den Kunden zählte damals auch Hoechst, und just zu Fadens Amtsantritt im Februar 1993 strömten dort Gase aus, gelb, nicht giftig, aber sehr schlagzeilenträchtig. „Der Schaden war mein Begrüßungscocktail“, sagte er einmal scherzhaft. Seine Bewährungsprobe war es nicht minder. Faden und sein Team managten den Schaden nach anfänglichen Problemen auf Seiten des Chemieriesen geschickt. 2003 stieg der passionierte Allroundsportler in den Vorstand der Gerling-Vertrieb Industrie AG auf.
Die in den Außenstellen aufgebauten Kontakte zur deutschen Großindustrie pflegte er von Köln aus weiter wie kein anderer. „Er ist ein Netzwerker“, sagen seine Kollegen. Das stellte sich kurze Zeit später als Glücksfall für den durch eine Fehlinvestition in den USA in Schieflage geratenen Konzern heraus. Der Familienkonzern galt schon vor der globalen Finanzmarktkrise 2002 als schwach kapitalisiert. Faden reiste durch die Republik und sammelte den Großteil der 150-Millionen-Euro-Kapitalspritze von seinen Kunden ein. Ungewollt trat er damit in die Fußstapfen von Hans Gerling. Der gestrenge Versicherungsunternehmer hatte nach der Pleite der konzerneigenen Herstatt-Bank fast 30 Jahre zuvor befreundete Industrielle ins Boot geholt, um seine Versicherungsgesellschaften zu retten.
Bei der Allianz in München geht es indes nicht um Kapital. Das holt der Marktführer sich an der Börse. Es geht um die Kunden selbst, ums Geschäft. Dann stimmt am Ende auch die Kasse – wie im Kino.
