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09.07.2008 
Marcus Brauchli

Von der Wall Street nach Washington

von Matthias Eberle

Marcus Brauchli floh vor Rupert Murdoch vom "Wall Street Journal". Jetzt führt er die "Washington Post" ins Internet.

Marcus W. Brauchli heuert bei der "Washington Post" an. Foto: apLupe

Marcus W. Brauchli heuert bei der "Washington Post" an. Foto: ap

NEW YORK. Marcus W. Brauchli hat es unter der Obhut von Medienzar Rupert Murdoch erwartungsgemäß nicht lange ausgehalten. Kaum vom Chefredakteursposten des "Wall Street Journal" (WSJ) zum Berater des Murdoch-Konzerns News Corp. degradiert, wechselt der 47-jährige Amerikaner mit Schweizer Pass die Seiten: Brauchli wird Chefredakteur der "Washington Post". Die Zeitung, frisch mit sechs Pulitzer-Preisen gekrönt, gilt als eine der einflussreichsten in den USA. Gemessen an der Auflage von 673 000 ist sie zwar nur die Nummer sieben in den Staaten. Mit ihrem Standort Washington fühlt die Zeitung aber am Puls der US-Regierung wie kaum ein anderes Medienorgan.

Washington statt Wall Street - mehr Politik, weniger Wirtschaft: Im Umfeld des Kapitols gilt die Berufung Brauchlis als Überraschung. Einige Journalisten der "Post" empfinden es als störend, mitten im Präsidentschaftswahlkampf die Pferde zu wechseln. Sie werden sich auf weitere Umbrüche gefasst machen müssen - und mit ihnen die gesamte US-Zeitungslandschaft. Nach Angaben des Verbandes Newspaper Association of America ist der Werbeumsatz 2007 industrieweit um fast zehn Prozent auf 42 Milliarden Dollar gefallen, der höchste Rückgang seit 1950.

Im laufenden Jahr hat sich der Niedergang beschleunigt, weil der Konjunkturabschwung zahlreiche Anzeigenkunden belastet, die gemeinsam mit den Lesern Richtung Internet abwandern. Dort aber bestimmen nicht mehr Zeitungshäuser das Nachrichtengeschehen, sondern Web-Konzerne wie Google oder Yahoo.

Ein Strategiewechsel der Traditionsverlage ist überfällig, und die gute alte "Washington Post" gehört bisher nicht zu den Vorreitern der Bewegung. Auf Brauchlis To-do-Liste steht eine Fusion von Print- und Online-Redaktion ganz oben. Bisher arbeiten die Abteilungen noch in verschiedenen Gebäuden - ein Anachronismus im Zeitalter des Web 2.0.

Das "Wall Street Journal" (WSJ), für das Brauchli seit 1984 arbeitete, gilt derweil als Maßstab für seriösen und schnellen Online-Journalismus. Brauchli werde helfen, "uns in die neue Medienwelt zu navigieren", kündigte Katharine Weymouth vielsagend an. Mit ihren 42 Jahren steht die Verlegerin für einen Generationswechsel bei der "Post", genau wie Brauchli. Der schlaksige Mann mit der Halbglatze hat 15 Jahre lang aus dem Ausland berichtet, unter anderem aus China, Russland und Japan - stets als eiserner Verfechter des Qualitätsjournalismus: "Wir dürfen in Krisenzeiten unser Angebot nicht zurückfahren", hatte Brauchli gewarnt, als er im Mai 2007 zum Chefredakteur des "WSJ" aufstieg.

Doch die ausufernde Zeitungskrise lässt Verlagshäusern kaum eine andere Wahl, als einen schwierigen Spagat zu versuchen: Die Kosten sollen runter, möglichst ohne die Qualität zu beschädigen. Damit muss nicht nur die Redaktion der "Washington Post" künftig leben, sondern auch Brauchli.

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