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03.09.2008 
Risikonomics

Von mutigen Adlern und anderen Wesen

von Thomas Hanke

Georgien-Krieg, Finanzkrise und verheerende Wirbelstürme: Risiken sind allgegewärtig und berherrschen die Welt. Das Handelsblatt stellt in einer Serie Menschen vor, die solche Herausforderung meistern. Dieses Mal: Wie die Deutschen Gefahren im Extremsport und im Alltag begegnen und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen.

Basejumper in Kuala Lumpur: Menschen haben besonders Angst vor Situationen, bei denen viele Personen gleichzeitig sterben könnten und fürchten weniger das „verteilte Sterben.“ Foto: dpaLupe

Basejumper in Kuala Lumpur: Menschen haben besonders Angst vor Situationen, bei denen viele Personen gleichzeitig sterben könnten und fürchten weniger das „verteilte Sterben.“ Foto: dpa

BERLIN. Ein staubiger Weg, gesäumt von uralten Indianerzeichnungen, führt auf den roten Felsen hinauf. Von hier oben wird der Springer sich ins Tal stürzen. Auf dem Tombstone Cliff ist er völlig allein mit der majestätischen Landschaft des Monument Valley in Utah. Aber er hat jetzt nicht den Kopf frei für die Aussicht, der bevorstehende Sprung saugt alle Aufmerksamkeit auf.

Wie in einem archaischen Ritual versichert er dem Berg seinen Respekt, nimmt Anlauf, rennt los und hat dabei das Gefühl, den Stein unter seinen Füßen pulsieren zu spüren. Über den rundlichen Felsrücken spurtet er auf die Kante zu, drückt sich ab. Die 130 Meter hohe Felswand, die erst jetzt einzusehen ist, bleibt hinter ihm zurück, die Talsohle rast ihm entgegen. Nur wenige Sekunden, und er würde aufschlagen - doch dann öffnet sich mit einem Ruck der Fallschirm.

Jürgen Mahle ist Basejumper, und der Sprung vom Tombstone Cliff in Utah war eines seiner stärksten Erlebnisse. Weil Basejumper sich von Brücken, Schornsteinen und Hochhäusern stürzen, wenn gerade kein Canyon zur Verfügung steht, gelten sie als durchgeknallte Subspezies der Fallschirmspringer: Sie suchen die Gefahr, und viele kommen darin um, lautet die gängige Vorstellung.

Doch wer mit einem Springer wie Mahle spricht, erlebt keinen Draufgänger, sondern einen Mann mit einem sehr bewussten Verhältnis zum Risiko: "Du musst mit der Welt im Reinen sein, wenn du da runterspringst." Alles wird zigmal kontrolliert: die Ausrüstung, die Sprunghöhe, das Gewicht, Windstärke und-richtung, Temperatur. Aber es bleibt eine "Versagensgefährdung", die Möglichkeit, selber einen Fehler zu machen. "Der Deutsche ist schizophren, er will eine reglementierte Gesellschaft mit lauter Sicherheitsnetzen, und dann sucht er zum Ausgleich eine Herausforderung im Extremsport", analysiert Mahle.

Draufgänger und nach Sicherheit lechzender Biedermann - sind das die zwei Seelen, die viele Deutsche in sich haben? Zeigt sich hier eine typisch deutsche Schizophrenie von Zocker und Angsthase ?

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