Für Ehlen ist es kein Widerspruch, ein gesellschaftliches Anliegen mit dem Verkauf von Kosmetik zu verknüpfen. „Man kann das eine nicht vom anderen trennen", sagt sie, die Marketing-Expertin, dann. „Langfristig wird eine Marke nur erfolgreich, wenn sie bestimmte Werte vermittelt." Trotzdem gleicht ihre Arbeit einem Spagat. Einerseits muss sie kurzfristige Umsatzziele erfüllen, andererseits soll sie die Marke mit einem positiven Image versehen und langfristig im Bewusstsein der Kunden verankern. Sieben Mitarbeiter hat sie dafür bei Unilever. Hinzu kommt ein Netzwerk aus verschiedenen Agenturen, dort werden die Kampagnen umgesetzt, die Online-Auftritte betreut und die PR-Arbeit koordiniert. „Ich fühle mich oft wie ein Jongleur, der ständig alle Bälle in der Luft halten muss." Oft muss sie kämpfen und ihre Entscheidungen verteidigen.
So war es gleich zu Beginn, als Ehlen ihren Job als verantwortliche Produktmanagerin antrat. Damals, Anfang 2005, schlug das internationale Marketing vor, bei der nächsten Kampagne nicht die Produkte in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Diskussion um den Schönheitsbegriff. Wie das geschehen könne, hatten die Strategen in London in ersten Entwürfen dargelegt. Der Star-Fotograf John Rankin Waddell alias Rankin hatte eine 96-jährige Dame und Frauen mit Tätowierungen und Narben porträtiert. Das provozierte.
Auch bei Unilever in Deutschland. Es gab Bedenkenträger, die befürchteten, dass die Kampagne für den deutschen Markt zu weit ginge, sie hatten Angst, dass die Motive nicht mehr als ästhetisch, sondern als eine Art Freakshow aufgefasst werden könnten. Das deutsche Marketing war nicht verpflichtet, die Bilder zu zeigen. Nicole Ehlen hätte sich auch für eine andere, eine konventionellere Werbestrategie entscheiden können. Das aber kam für sie nicht infrage. Von Beginn an war sie von den Rankin-Fotos begeistert. Trotzdem musste sie abwägen. „Wenn man Produktwerbung macht, schlägt sich das Ergebnis sofort im Absatz nieder. Insofern war eine Kampagne, die den Fokus auf die Diskussion über den Schönheitsbegriff legt, auch für mich ein Risiko." Weil auch andere das Risiko eingehen müssen, muss Nicole Ehlen noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Ihre Argumente waren vor allem, dass sich eine moderne Marke nur noch bedingt über Produkte differenzieren kann, sondern vor allem über ihre emotionale Welt. „Wir hatten mitden kurvigen Frauen einen Weg eingeschlagen, den wir konsequent weitergehen wollten. Dafür habe ich mich eingesetzt."
Herzblut und Leidenschaft für ihre Arbeit, diese Eigenschaften hält sie selbst für eine ihrer größten Stärken. "Ich könnte kein Marketing für ein Produkt machen, das nicht meinem Weltbild entspricht. In der Zigarettenindustrie zu arbeiten wäre für mich als Nichtraucherin zum Beispiel undenkbar." Ihr Chef, Marketingleiter Rainer Krüger, schätzt vor allem, dass sie den Funken auch auf andere überspringen lassen kann: „Ein Brand-Manager muss sein Team mitreißen können. Nicole bringt diese ausgesprochene Begeisterungsfähigkeit mit."
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein kleiner Streifen auf einer Duschgelflasche fordert Ehlens Ehrgeiz heraus.
