Microsoft Deutschland-Chef Achim Berg hat sein Zuhause zu einem Smarthome umfunktioniert, das ihm eine Mail schickt, wenn jemand vor seiner Tür steht - inklusive Foto der Person. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht der Manager über den täglichen Kampf mit der E-Mail-Flut, den Wechsel von der Telekom zum Software-Riesen und das Leben im Großraumbüro.
Achim Berg (im März 2005): Der damalige Telekom-Manager ist heute Deutschland-Chef bei Microsoft. Foto: dpa
Herr Berg, Sie sind seit Januar 2007 Chef von Microsoft Deutschland. Wie war ihr erster Tag?
Der war schon verrückt. Ich habe einen Tag vor dem deutschen Windows Vista Launch angefangen. Das war die lauteste und größte Veranstaltung, die Microsoft je gemacht hat. Die Mitarbeiter haben mich vorher nur einmal kurz gesehen und dann stehe ich direkt auf der Bühne, mitten im Medienrummel und muss die richtigen Statements geben. Im Nachhinein muss ich sagen: Es war ein typischer Tag bei Microsoft. Man steht sehr in der Öffentlichkeit und muss viele Dinge einfach anpacken.
Sie waren vorher bei der Telekom als Vertriebs- und Marketingvorstand der Festnetzsparte. Der Konzern gilt als sehr bürokratisch und hierarchisch. Hatten Sie nach dem Wechsel einen Kulturschock?
Ich glaube, sechs Wochen habe ich schon gebraucht, um mich an alles zu gewöhnen. Microsoft ist schneller und jünger. Hier sitze ich mit den anderen Mitgliedern der Geschäftsführung in einem Großraumbüro, was ich erstmal etwas irritierend fand. Jetzt würde ich es aber sofort wieder machen. Ein anderer Unterschied zeigt sich an der Größe der Konferenzsäle: Hier gibt es viele kleine Meeting-Räume für drei bis vier Personen. Bei der Telekom hat der kleinste Raum 25 Plätze. Daran erkennt man schon, dass wir hier Entscheidungen schneller treffen.
Geht da nicht eher mal was schief?
Interessanterweise: Nein. Aber selbst wenn mal etwas schief geht, dann geht es halt schief. Falsche Entscheidungen kann man korrigieren. Das ist immer noch besser, als sich gar nicht zu entscheiden.
Stimmt es, dass Sie von allen Mitarbeitern bei Microsoft geduzt werden?
Ja, das ist auch ein großer Unterschied zur Telekom. Hier reden mich alle mit „Achim“ an.
Sie bezeichnen sich selbst als Technik-Freak. Wie äußert sich das?Ich habe mein Haus zu einem Smarthome aufgerüstet. Ich kann von jedem Ort der Welt jedes Licht ein- und ausschalten, jede Heizung aufdrehen und die Jalousien hoch und runter lassen. Wenn die Alarmanlage scharf ist, und jemand vor unserer Kellertür steht, dann bekomme ich per E-Mail ein Foto von ihm, weil er da eigentlich nix zu suchen hat. Und: Ich bekomme per SMS immer Informationen darüber, was das Haus gerade bedrückt.
Was wäre das zum Beispiel?
Vor drei Jahren hatten wir einen Wassereinbruch im Keller. Wir waren auf Mallorca im Urlaub, da kam eine SMS, die den Schaden meldete. Ich habe dann unseren Elektriker angerufen – er ist sofort gekommen und hat verhindert, dass uns der ganze Keller voll gelaufen ist. Da haben wir echt Glück gehabt.
Hat sie die Technik auch mal überlistet?
Oh ja. Bei uns kommt man ins Haus mit seinem Fingerabdruck oder mit einem Code. Es gibt zwar auch noch ein Schloss, aber wir nehmen nie Schlüssel mit. Einmal war die ganze Familie joggen. Als wir wiederkamen, war Stromausfall, da ging gar nichts mehr. Wir saßen dann zweieinhalb Stunden bei unserem Nachbarn auf der Terrasse. War auch ganz nett.
Woher kommt Ihre Begeisterung für Technik?
Mich interessiert das Neue. Ich will einfach wissen wo das alles hingeht, ich will das verstehen. Es reicht mir nicht, immer nur zu sagen: „Installier mir das mal.“ Ich will neue Entwicklungen selbst nachvollziehen. Nicht immer im Detail, aber ich muss wissen wie es geht. Nur dann kann ich auch die Möglichkeiten sehen.
Sind Sie jemand, der nächtelang an einem Problem tüfteln kann?
Allerdings, das kann ich. Als ich 2000 bei Fujitsu Siemens war, kam gerade das Thema Wlan und kabellose Hausvernetzung auf. Ingenieure kamen auf mich zu und sagten, das sei nicht möglich. Ich habe das nicht geglaubt und habe übers Wochenende alles in meinem Kofferraum mitgenommen, was man für eine Installation braucht. Das ganze Wochenende habe ich zu Hause gebastelt – und sicher keine drei Stunden pro Nacht geschlafen. Aber am Ende hat es geklappt.
Ihr Arbeitsalltag ist bestimmt auch sehr IT-lastig.
Bei Microsoft gibt es eine hohe Akzeptanz von Videokommunikation. Es gibt in Sitzungsräumen keine normalen Telefone mehr, sondern nur noch diese Round Tables, eine Art Videokonferenzsystem, in denen 360-Grad-Kameras eingebaut sind. Das macht die Kommunkation einfacher. Und ich bin jemand, der sehr stark den Communicator und den Life Messenger nutzt. Der Communicator ist auch immer offen, wenn ich in Meetings bin.
Ernsthaft? Sie chatten am Konferenztisch?
Ja, das ist bei uns so üblich. Alle haben ihren Laptop aufgeklappt und den Communicator an. Ich nutze ihn zum Beispiel, um ganz schnell mit meiner Assistentin zu chatten, oder um mich zu vergewissern, ob jemand alle Infos bekommen hat, die er braucht. Das läuft auch bei unseren großen Konferenzen, wie zum Beispiel dem Midyear–Review, so.
Das klingt nach Multitasking.
Allerdings. Wenn man viele Fenster geöffnet hat, muss man aufpassen, dass man auch dem Richtigen antwortet. Da bin ich schon einmal durcheinander gekommen und habe eine Antwort an den falschen Kollegen geschickt.
Wie viele E-Mails bekommen Sie am Tag?
Hunderte, aber ich filtere sie elektronisch. Die Mails meines Chefs und die meines stellvertretenden Chefs sind mit unterschiedlichen Farben unterlegt. Wenn Mails so lang sind, dass ich scrollen muss, und oben nicht das wichtigste zusammen gefasst ist, lese ich sie nicht. Und wenn ich ohne ersichtlichen Grund auf einem Verteiler stehe, antworte ich: „Warum stehe ich auf diesem Verteiler?“ Das führt dazu, dass sich die Leute das beim nächsten Mal gut überlegen.
Sind Sie ein E-Mail-Junkie?
Nein. Ich antworte auch nie sofort auf E-Mails, weil das dazu führt, dass man sich mal eben schnell vier bis fünf Mails hin und her schickt. Das ist meist unnötig.
Schalten Sie Ihr Handy auch mal aus?
Ich habe mein Handy immer an, gehe aber fast nie ran. Wer mich mit unterdrückter Nummer anruft, hat gar keine Chance. Die Mailbox habe ich auch nicht aktiviert. SMS lese ich aber schon. Auch am Wochenende ist das Telefon eingeschaltet, liegt aber in irgendeiner Schublade.
Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?
Ich habe eine Auswertung in Outlook, die zeigt, wie viele eingetragene Stunden ich arbeite und zu welchen Themen: Intern, Citizenship, Kunden, Mitarbeiter... Es gibt Monate – auch kurze – in denen ich auf 300 Stunden komme. Und darin ist nicht die Zeit enthalten, die ich abends noch zum Beantworten von E-Mails brauche. Das ist für mich dann schon grenzwertig.
Und tun Sie etwas dagegen?
Wenn ich merke, dass ich mich körperlich im Grenzbereich befinde – das passiert etwa zwei Mal im Quartal – ziehe ich die Reißleine. Ich streiche mittags alle Termine und bin nicht erreichbar. Dann nehme ich mir Zeit für Mails, um in Ruhe nachzudenken oder ziehe meine Joggingschuhe an und gehe laufen. Das ist auch ein Selbstschutz.
Gibt es bei Ihnen auch Tage, an denen Sie überhaupt nicht arbeiten?
Der Samstag ist heilig. Da lese ich keine Mails und habe keine Termine. Dieser Tag gehört ganz der Familie. Am Sonntag bereite ich Dinge vor, aber ich ziehe da nicht meine Kollegen mit rein. Mails versende ich erst um 20 Uhr, damit die Leute nicht den ganzen Tag Mails von mir bekommen.
Sie sind Marathon-Läufer. Wie viel Zeit bleibt bei Ihrem Arbeitspensum noch zum Trainieren?
Halbmarathon laufe ich vier Mal im Jahr. Und es passiert durchaus, dass ich mir abends um zehn die Joggingschuhe anziehe und hier in Unterschleißheim durchs angrenzende Industriegebiet laufe. Entweder habe ich ein Hörspiel auf dem Ohr oder ich denke nach. So kann ich abschalten. Wenn man die Work-Life-Balance nicht im Griff hat, ist man auch nicht leistungsfähig.
Stimmt es, dass Sie die Entscheidung, zu Microsoft zu wechseln, auch beim Laufen getroffen haben?
Ja, das stimmt. Das war im Jahr 2006 beim New York Marathon. Mitten auf der First Avenue, Richtung Central Park, bei Kilometer 30. Da habe ich gedacht: Ich mach’ das, ich geh’ zu Microsoft.
Ist Ihnen die Entscheidung schwer gefallen?
Wenn man in einem sinkenden Markt arbeitet, ist nach fünf Jahren die Motivation etwas ramponiert. Es ist immer schöner, in einen wachsenden Markt zu arbeiten.
Allerdings hört man von amerikanischen Konzernen oft, dass man als Deutschland-Chef nur der verlängerte Arm des Mutterkonzerns ist.
Ich habe mich erst für Microsoft entschieden, als mir glaubhaft versichert wurde, dass ich viele Entscheidungen auch persönlich mittreffen kann und dass ich das Sprachrohr in der Öffentlichkeit bin. Ich will lieber Statthalter in der Stadt als irgendwo zweiter Mann in einem Kaiserreich sein. Hier gibt es nicht so viele Kollegen, die bei Entscheidungen mitreden und es gibt auch nicht so viele Bedenkenträger. Ich kann jetzt sogar mehr entscheiden als ich anfangs gedacht habe. Der Sprung war also der Richtige, und nach fünf Jahren bei der Telekom auch legitim.
Telekom und Microsoft haben – mit Verlaub – nicht das allerbeste Image. Wollen Sie nicht mal bei einem Unternehmen arbeiten, das von allen geliebt wird?
Von allen geliebt werden, ist ja endlich. Irgendwann werden diese Unternehmen nicht mehr geliebt, dafür aber andere. Und es ist ja ein Stück weit eine Herausforderung. Ich segle auch ganz gern, aber der eigentliche Spaß fängt bei Windstärke sechs und höher an. Immer bei flacher See auf dem Boot zu liegen – das muss man auch mögen. Ich bin jemand, dem schnell langweilig wird.
Wann haben Sie gemerkt, dass Sie ins Topmanagement wollen?
Das war im ersten Job. Ich war Trainee beim IT-Konzern Bull in Köln. Da habe ich gemerkt: Es gibt A-Player und B-Player, wobei man beide braucht. Wir waren 18 Trainees aus aller Herren Länder. Irgendwann bildeten sich Leader. Da merkte ich, dass es mir sehr leicht fiel, Leute in eine bestimmte Richtung zu motivieren. Und ich habe gemerkt: Das macht mir Spaß.
Was sind die Eigenschaften eines A-Players?
Deine Meinung wird gehört, die Leute arbeiten gern mit dir zusammen, man hat natürliche Autorität. Und: Man zieht andere A-Player an.
Wie hat sich Ihre Karriere bei Bull weiter entwickelt?
Es ist eigentlich immer weiter aufwärts gegangen. Beim Assessment Center hatte ich das beste Ergebnis, das es je gegeben hat. Und ich habe als Einziger in den Gehaltsverhandlungen 200 Mark mehr raus geholt als alle anderen – das ist aber erst ein halbes Jahr später raus gekommen. Später bin ich vom Verkaufsmanager zum Niederlassungsleiter von fünf Regionen aufgestiegen. Da war ich gerade mal 29 und alle meine Mitarbeiter waren älter als ich.
Wie sind Sie damit umgegangen?
Am Anfang habe ich versucht, mich hinter der Rolle zu verstecken. Aber das war falsch. Man sollte nicht von oben herab Sachen diktieren. Es ist besser, Leute zu überzeugen und sie auf seine Seite zu holen. Das liegt mir auch.
Haben Sie denn jetzt beruflich alles erreicht, was Sie erreichen wollten?
Ich habe hier noch viel zu tun. Man sieht den wirklichen Erfolg einer Position ja nicht schon nach zwei Jahren. So einen Job muss man schon mindestens vier Jahre machen, um wirklich etwas zu bewegen. Aber einen Schritt würde ich noch gern gehen, was auch immer es ist. Das kann bei Microsoft sein, oder sonstwo. Einen Schritt traue ich mir noch zu. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier immer am absoluten Limit laufe.
Die Fragen stellte Astrid Dörner
