Zwei Jahre später sind Ailin und Guntram verheiratet und ziehen zum Studium nach Deutschland. Bald entdecken sie die Anziehungskraft der archaischen Internetwelten, die in Gut und Böse aufgeteilt sind. Sie wählen immer dieselbe Rollenverteilung: Ailin wird zur Anführerin, Priesterin oder Heilerin mit sozialer Ader und sucht sich "Newbies", Neulinge, die sie stark macht. Guntram spielt den starken Einzelgänger, den Monsterjäger. In einem ihrer Favoriten, dem dunklen, von Sabotage und Intrigen getriebenen Spiel "Shadowbane" stärken sie sich. "Dort haben wir beide ein ungewöhnlich dickes Fell entwickelt."
2004 dann entdeckt Ailin "Second Life". Sie taucht ab, nächtelang. Guntram hält die dortige Welt für eine Art Hausfrauenchat. Dann verkauft sie ihr erstes virtuelles Land, steht schon kurz darauf an der Spitze des Spielerrankings, und da fängt Guntram an zu rechnen.
Fortan bastelt Ailin an ihrem Konzept für das virtuelle Reich. Sie siedelt auf Landstrichen, verpasst den Retortenstädten Lebens- und Bauvorschriften und verkauft die Parzellen. Sie kombiniert deutsche Einfamilienhäuser mit chinesischem Harmoniebedürfnis und nennt es "Dreamland": "Jeder Mensch hat einen Traum. Dreamland war mein Traum." Heute basieren 80 Prozent von "Second Life" auf dem Dreamland-Konzept, fünf Prozent davon gehören nach eigenen Angaben den Graefs.
2006 schließlich gründen die Graefs Anshe Chung Studios in Hubei - und machen ein Jahr später nach eigenen Angaben bereits Gewinn. Da lernen die Startup-Gründer Oliver Samwer bei einer Konferenz in München kennenlernen. Die Verhandlungen dauern nicht lange, dann fällt Samwer eine "vom Grundvertrauen geprägte Entscheidung", wie er sagt. Er investiert in in ACS
. Der Vertrag ist gerade mal drei Seiten lang, Absicherungsklauseln gibt es keine.
Die Graefs beeindrucken ihn derart, dass er darauf verzichtet, sich vor Ort in China ein Bild zu machen. "Wir haben noch nie Leute getroffen, die dieses Geschäft so gut verstehen", sagt Samwer. "Sie sind grundsolide und könnten auch einen riesengroßen Handwerksbetrieb haben. Die Graefs hätten "ganz besonders deutsche Qualitäten" und würden auf aufgeblasene Vorträge verzichten. "Das sind ganz anständige Leute mit klassischen Werten. Keine, die große Power-Point-Präsentationen machen, auf Bühnen stehen und schwingende Reden halten."
In der Provinzhauptstadt Wuhan sitzen die 80 ACS
-Mitarbeiter im 23. Stock über einem Vier-Sterne-Hotel. Neben den Büros wohnen die Graefs. Wegen der Zeitverschiebung sind sie ohnehin rund um die Uhr im Job. Die offizielle ACS
-Zentrale verlegen sie 2007 nach Hongkong.
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