Unstrittig ist, dass das System schwarzer Kassen größtenteils in seiner Amtszeit entstand: 1,3 Milliarden Euro sind in dunkle Kanäle geflossen und vermutlich größtenteils im Ausland als Schmiergeld eingesetzt worden. Ermittlungen in vielen Ländern förderten immer wieder Einzelfälle ans Licht der Öffentlichkeit.
Auf jener Hauptversammlung im Januar 2005, Pierers letzter als Vorstandschef, waren zum Beispiel die Schmiergeldzahlungen an den italienischen Enel-Konzern schon bekannt. Ob Pierer und andere Zentralvorstände hier schon die Puzzleteile hätten zusammenlegen müssen - wenn sie nicht ohnehin davon wussten -, ist eine der zentralen Fragen bei der Aufklärung der Affäre.
Im Grunde sei das doch egal, meinen viele im Hause Siemens
heute. Falls Pierer etwas gewusst habe, sei er schuldig und müsse zur Rechenschaft gezogen werden. Sollten Milliardensummen in seinem Reich verschwunden sein, ohne dass er davon Notiz nahm, stelle ihm das kein viel besseres Zeugnis aus. Pierer selbst aber lehnt es ab, zumindest eine politische Verantwortung zu übernehmen. "Die Größe hatte er leider nicht. Sich hinzustellen und zu sagen: Tut mir leid, das ist in meiner Zeit passiert, das hätte nicht sein dürfen", sagt ein Ex-Vertrauter.
Mit einem frühen Rücktritt als Aufsichtsratschef hätte Pierer auch seinen Nachfolger Klaus Kleinfeld aus der Schusslinie genommen, der gehen musste, obwohl es bislang keine Hinweise auf eine Verwicklung in die Affäre gibt. Anders als Pierer übernahm Medizintechnik-Chef Reinhardt die Verantwortung, obwohl nichts gegen ihn persönlich vorliegt, und trat jetzt ab.
Zu einem solchen Schritt kann sich der Mann nicht durchringen, der sich in den Erfolgsjahren seinen ganz eigenen, leutseligen Stil angewöhnt. Sind Besucher im Haus, kommt Vorstandschef Pierer gern abends noch dazu und plaudert, stets mit einer Mischung aus lakonischem Understatement - "Ich glaube, das haben wir nicht ganz falsch gemacht" - und einer ausgeprägten Ich-Bezogenheit, die wohl normal ist, wenn man sich an die Spitze vorgearbeitet hat. Von seinen Erfolgen auf dem Tennisplatz erzählt er gern, wie von Treffen mit bekannten Politikern.
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