Finanzierung im Mittelstand
Das Misstrauen sitzt tief

Der deutsche Mittelstand nimmt zu wenig Geld in die Hand – dabei schwimmen viele Firmen regelrecht in Geld, das sie eigentlich in zukunftsträchtige Projekte stecken könnten. Für Banken eine zweischneidige Entwicklung.
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AachenDer deutsche Mittelstand schwimmt im Geld. Die Betriebe haben im Schnitt rund 2,8 Millionen Euro angelegt – den größten Teil davon als Bankguthaben. Dies geht aus einer Studie der Bielefelder Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Kooperation mit der Commerzbank hervor. Die Forscher haben überwiegend kleine bis mittelgroße Betriebe befragt, die weniger als 50 Millionen Umsatz im Jahr erzielen. Im Jahr 2009 - also unmittelbar nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 - standen den Unternehmen gerade 100.000 Euro zur Verfügung.

Die Gründe für das hohe Liquiditätspolster sind vielfältig: So haben laut der Studie viele Unternehmen aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs in Verbindung mit einem milden Winter grundsätzlich Investitionsbedarf. Die Firmen könnten zudem jetzt die Investitionen nachholen, die sie vorab aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen und konjunkturellen Entwicklung nicht getätigt haben.

Allerdings stellt sich die Frage, warum die Unternehmen nicht schon längst ihre liquiden Reserven dazu genutzt haben zu expandieren oder warum sie sie nicht in neue Projekte gesteckt haben. „Die Kassen vieler mittelständischer Unternehmen sind zwar gut gefüllt. Dennoch investieren sie wenig – und wenn, dann meist in Ersatzbeschaffungen“, beobachtet Martin Keller, Geschäftsbereichsleiter Zins-, Währungs- und Anlagemanagement bei der Commerzbank.

Für die Banken ist diese Entwicklung zweischneidig. Auf der einen Seite verbessert sich mit der Geldschwemme die Solvenz vieler Unternehmenskunden. Anderseits führt sie dazu, dass die Firmen in Kombination mit der zögerlichen Investitionspolitik nicht mehr so viel Kapital nachfragen und die Geldhäuser dementsprechend weniger Kredite vergeben, als sie könnten.

Kommentare zu " Finanzierung im Mittelstand: Das Misstrauen sitzt tief"

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  • Vollkommen richtig, was die Vorkommentatoren von sich geben. Man kann Investitionen nicht erzwingen, auch wenn es noch nie günstiger war, Schulden zu machen. Das Verhalten der Politik in Berlin und Brüssel wie auch das Gebaren der EZB sind regelrecht kontraproduktiv. Niedrige Guthabenzinsen verleiten nur kurzfristig zum Konsum, dann aber wird der Sparzwang eher noch verstärkt, weil das billige Geld nicht als Konsumentenkredite billig weitergegeben wird, sondern an der Börse landet. Damit wird schon die nächste Finanzkrise eingeleitet, die vorhersehbar noch schlimmer enden wird, als die letzte. Dem Ottonormalverbraucher ist das längst klar, der Politik und Draghi leider nicht. Dort scheint eher die Meinung vorzuherrschen, solange die Kurse an der Börse steigen, wird sich das auch auf die Kauflaune positiv auswirken. Das ist mitnichten der Fall, denn die breiten Schichten haben vielleicht ein Sparbuch, aber kaum Aktien. Ist es um die Konsumaussichten schlecht bestellt, sind auch die Anreize für Investitionen im mittelständischen Bereich wenig ausgeprägt. Die Großindustrie, vor allem die Autoindustrie, schaut viel zu sehr nach China, verlagert große Produktionskapazitäten dorthin und zwingt Zulieferer, dort ebenfalls präsent zu sein, obwohl die politische Situation vor Ort Unbehagen auslöst und Rechtssicherheit nicht gegeben ist. Mit bestem Beispiel geht gerade Russland voran. Aber auch in China wird eine Sättigung des Marktes erreicht werden oder das Wirtschaftswachstum unter 5% sich einpendeln, was schon fast einer Rezession gleichkommt. Dazu kommen noch die diversen Kriegsschauplätze dieser Welt. D.h., dass weder global noch national die Stimmung für Investitonen sonderlich gut ist...

  • Warum ist das so schwer zu verstehen? Unternehmen investieren dort, wo es Nachfrage gibt. Würgt man die Nachfrage mit der sogenannten “Sparpolitik” rigoros ab, investieren sie auch nicht. Wieso auch?

    Das Gejammer über die ausstehenden Investitionen sowie darüber, dass das Geld noch so billig sein kann, keiner will es kaufen, kann man kaum noch hören.

    Wenn man schon wirtschaftstheoretisch im Totalversagen der Neoklassik verhaftet ist, so hilft doch wenigstens noch der gesunde Menschenverstand!

  • Man sollte Ursache und Wirkung nicht verwechseln!
    Die politischen Rahmenbedingungen im EUR-/ EU-Raum sind einfach zu volatil, die Konjunktur viel zu wacklig geworden. Deshalb gilt: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
    Die Probleme werden in Berlin und Brüssel verursacht, nicht im Mittelstand. Der Mittelstand war, ist und bleibt der Garant des seriösen deutschen Wirtschaftsmodells. Aber dieses steht im Rahmen der EUR- und EU-Krise leider unter starkem Beschuss, kein Wunder, dass immer mehr Mittelständler sich Henkel, Weiss, Wall etc anschliessen und von der CDU zur AFD wechseln.

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