Geld für Start-ups
Kapital verzweifelt gesucht

Für junge Unternehmen hängt oft fast alles davon ab, nach der Entwicklungsphase Investoren und damit Geld für weiteres Wachstum zu finden – doch gerade in Deutschland scheint das fast unmöglich.
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BerlinOhne Geld haben die besten Geschäftsideen und neuesten Technologien keine Zukunft. Um sie marktfähig zu machen sind nicht selten hohe zweistellige Millionenbeträge notwendig. Gerade für junge Unternehmen hängt daher fast alles davon ab, nach der Entwicklungsphase Investoren für weiteres Wachstum zu finden. Doch gerade in Deutschland ist das fast unmöglich. „Regulatorische und steuerliche Vorgaben schrecken viele Investoren davon ab, hierzulande in innovative neue Technologien und das Wachstum der jungen Unternehmen dahinter zu investieren“, sagt Jens Wolf, Rechtsanwalt bei der Wirtschaftskanzlei Taylor Wessing. „Deshalb schafft es derzeit kaum ein deutsches Start-up, zu einem Weltmarktführer zu werden.“

Deutschland braucht dringend mehr Venture-Capital - also Geld, das nach dem Start eines Unternehmens für Wachstum und womöglich für einen Sprung auf internationale Märkte zur Verfügung steht. Laut Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) wurde in Deutschland in den vergangenen drei Jahren zwar rund zwei Milliarden Euro Venture-Capital in junge Firmen investiert, doch war es in den USA mit 87 Milliarden US-Dollar im selben Zeitraum dreißigmal mehr. „Wagniskapital ist deshalb so wichtig, weil es junge Unternehmen unterstützt, die aufgrund ihrer zukunftsweisenden Geschäftsmodelle oft überproportional viele Arbeitsplätze schaffen und für Wachstum sorgen“, sagt Tim Gemkow, Experte für Unternehmensfinanzierung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Die Politik will das Problem schon seit Jahren angehen, doch noch ist nicht viel passiert. Neuen Wind in die Sache hat eine Erklärung im aktuellen Koalitionsvertrag der Regierungsparteien gebracht. Darin heißt es, dass die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen für Wagniskapital international wettbewerbsfähig gestaltet werden sollen und Deutschland als Fondsstandort attraktiv gemacht werden soll. Ein Versprechen, das man auf politischer Ebene bereits intensiv diskutiere, wie aus Branchenkreisen zu hören ist. Konkrete Lösungen sind aber nicht in Sicht.

„Wir verbauen uns die Chance auf einen neuen Mittelstand, wenn wir die Rahmenbedingungen zum Wagniskapital nicht ändern“, so Rechtsexperte Wolf. Handlungsbedarf sieht er etwa bei der deutschen Finanzaufsicht. Die Bafin mache Venture-Capital-Gesellschaften das Leben schwer, wenn sie sich bei der Aufsicht registrieren lassen wollen. Ein Gesetz auf Grundlage einer EU-Richtlinie schreibt die Registrierung vor. „Wir machen die Erfahrung, dass die deutsche Finanzaufsicht extrem restriktiv vorgeht, weil sie höhere Anforderungen stellt, als sie eigentlich nach EU-Recht müsste“, beobachtet Wolf. Damit schieße sich Deutschland ins Aus, denn andere EU-Länder legten die Richtlinie viel lockerer aus.

Auch Gemkow sieht im Steuerrecht dringenden Verbesserungsbedarf. Eine andere Baustelle erkennt er jedoch auf einem guten Weg: Private Geldgeber bekommen unter bestimmten Voraussetzungen staatliche Unterstützung, wenn sie in junge Unternehmen investieren. Bislang muss dieser staatliche Zuschuss aber versteuert werden, was die Förderung effektiv schmälert. „Wir haben die klare Zusage der Bundesregierung, dass die Besteuerung des Zuschusses abgeschafft werden soll“, so Gemkow.

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  • Hier ist nicht die Politik gefragt, sondern es muss endlich ein Umdenken bei den privaten Kapitaleignern in Europa geschehen. Der Staat ist hier machtlos. Er kann niemanden zum Investieren zwingen.

    Jedoch sollte sich das Grosse Geld in Europa einmal fragen, ob es wirklich freiwillig weiter auf ein Google, auf ein Facebook, ein Apple verzichten möchte. Denn dazu notwendig wäre eben Venture Capital. Das ist jedoch mit Fonds zwischen 20 Mio. EUR und 200 Mio. EUR nicht zu machen.

    Um in VC zu machen, benötigt man pro Invest im Median 5 Millionen. Dabei hat man es mit einem Markt mit extremer Volatilität zu tun: von 10 Invests platzen 6, 2 werden zum “living dead”, und die restlichen 2 (wenn man Glück hat) müssen mit einer aussergewöhnlichen Performance das Geld für alle 10 mehr als einspielen.

    Zwar lassen sich geeignete Invests seriös identifizieren, denn es muss eben eine Möglichkeit für ein skalierbares Geschäftsmodell aufgezeigt werden. Das bedeutet: mit dem Umsatz wachsen die Kosten nicht mit, Traumrenditen winken. Aber es ist schlicht unmöglich, die “Totgeburten” zu erkennen.

    Deshalb kann man mit 100 Millionen nicht seriös 20 Mal investieren. Denn wenn man nun Pech hat, fallen einem alle 20 Invests weg, und das Geld ist verbrannt. Nein, man benötigt milliardenschwere Fonds, damit man die Anzahl der Invests steigern kann, und so nach dem Gesetz der Grossen Zahlen die Profiterwartung auch höchstwahrscheinlich realisieren.

    Entsprechend brauchen VC-Fonds Milliarden bis zig Milliarden an Grösse. EK, versteht sich, weil man hier nicht über Kredite leveragen kann und sollte. Und das kann nur das Grosse Geld leisten.

    Dafür werden solche Fonds dieselbe Stabilität aufweisen, wie sie auch die US-amerikanischen Gegenstücke jetzt bereits zeigen – und genauso profitabel sein. Nur muss endlich jemand der das kann, die Sache hier in Europa in die Hand nehmen.

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