Amazon automatisiert Lager
Wenn das Regal Räder bekommt

Wo früher Menschen zu Regalen eilten, um Windeln, Smartphones und Bücher einzusammeln, sind nun Hunderte von Robotern im Einsatz. Wie Internetriese Amazon seine Lager automatisiert – und die Konkurrenz unter Druck setzt.
  • 1

ManchesterFrüher gab es Schiebespiele als Werbegeschenk an der Tankstelle. Da mussten kleine Plättchen auf einer quadratischen Plastikscheibe, groß wie ein Bierdeckel, hin- und hergeschoben werden; so lange, bis die Zahlen in der richtigen Reihenfolge angeordnet waren. Ein Geduldsspiel für Kinder auf der langen Fahrt in die Ferien.

Die modernen Logistikzentren von Amazon erinnerten ihn ein wenig an jene Schiebespiele aus seiner Jugend, meint Roy Perticucci. Der Italoamerikaner ist für die gesamte Logistik des amerikanischen Internetkaufhauses in Europa zuständig. In der Tat: Hunderte Roboter schleppen lautlos Regale durch den Raum, kreuz und quer, mal schneller, mal langsamer, aber nie in Kurven; stets ändern die Maschinen ihren Weg im rechten Winkel. Bislang sind Menschen von Regal zu Regal geeilt, um Pampers und Seife, Smartphones und Bücher einzusammeln. Alles, was die Kunden auf der Webseite von Amazon eben so ordern. Nun bringen die elektrischen Helfer die Regale zu den Mitarbeitern.

Vergangene Woche hat der Manager einige ausgewählte europäische Journalisten in sein neuestes Logistikzentrum im nordenglischen Manchester eingeladen. Der Standort ist eine Blaupause, wie es bald in zahlreichen anderen Verteilzentren des US-Konzerns aussehen wird. Und nicht nur dort: Amazon gibt seit Jahren den Takt im Onlinehandel vor. Viele Konkurrenten werden daher nicht darum herumkommen, technisch ebenfalls aufzurüsten.

Durch die Roboter liefere Amazon schneller, günstiger, zuverlässiger. „Auf derselben Fläche bringen wir wesentlich mehr Ware unter“, betont Perticucci. Das ist ein enormer Vorteil, denn in vielen Ländern tobt ein Kampf um die Grundstücke. Auch in Deutschland. „Große Einzelhändler suchen gerade gigantische Flächen“, sagt Kuno Neumeier, Chef des Münchener Logistikimmobilien-Beraters Logivest. Die quadratischen Regale in Manchester stehen dicht gedrängt, die breiten Gänge für die Mitarbeiter braucht es nicht mehr. Die orange-schwarzen Roboter fahren einfach unter die gut zwei Meter hohen Regale, heben sie an. Anschließend geht es im Eiltempo zu den Leuten am Rand des Lagers. Die Arbeiter nehmen die bestellten Produkte heraus, reichen sie an jene Kollegen weiter, die dann die Pakete schnüren. Die Regale samt Roboter sind da schon wieder verschwunden.

Die Transportmaschinen kommen nicht viel anders daher als Mähroboter für den heimischen Rasen. Doch sie haben mehr Power und können gut 300 Kilo schultern. Mehr noch: statt riesiger, hoher Hallen lassen sich die Regale jetzt in vergleichsweise niedrigen Räumen anordnen. So lagert Amazon in Manchester die Artikel auf drei Stockwerken und kann dadurch eine größere Auswahl vorhalten.

Derart wie in Manchester, so rasen die Roboter bereits in vier anderen sogenannten Fulfillment-Centern in Europa über den glatten, grauen Betonboden. Doch es entstehen gerade noch viel mehr neue Lager bei Amazon. Bis Jahresende will Perticucci 15 zusätzliche Standorte auf dem gesamten Kontinent eröffnen, sechs davon wird der Ex-Manager der Supermarktkette Tesco mit Robotern ausstatten. In Deutschland baut der Konzern für 90 Millionen eine hochautomatisierte Filiale in Winsen, südlich von Hamburg.

Perticucci beteuert, dass durch die Roboter kein Job verloren gehe; zumindest nicht bei Amazon. Wie viele Stellen weniger wendige Konkurrenten abbauen müssen, weil sie nicht mehr konkurrenzfähig sind, das weiß niemand. Der US-Konzern nutzt die Maschinen nur an neuen Standorten, bestehende Lager werden nicht aufgerüstet. Dabei sollen in den sechs neuen Robo-Standorten, die dieses Jahr in Europa öffnen, langfristig 8 000 Arbeitsplätze entstehen. In Winsen hat Amazon 1 000 Stellen zu besetzen.

Seite 1:

Wenn das Regal Räder bekommt

Seite 2:

Die Roboter baut Amazon selber

Kommentare zu " Amazon automatisiert Lager: Wenn das Regal Räder bekommt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Digitalisierung schreitet voran.

    Bald sind:

    - 95% der Logistik-Arbeiter
    - 90% der unteren Büro-Angestellten (Finanzagentur, öffentlicher Dienst, Verwaltung,...)

    - 80% der Reporter
    - 80% der Ärzte,...

    u.s.w überflüssig.

    Werden die dann in 10 Jahren in der VR-Matrix von Facebook und Google verschwinden?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%