„Kosten außer Kontrolle“? Trügerischer Billig-Boom über dem Atlantik

Wer günstig in die USA fliegen will, hat große Auswahl. Immer mehr Airlines starten mit Billigtöchtern für die Langstrecke. Doch Probleme bei Norwegian zeigen, wie schwierig das Geschäft ist.
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Die Mitte Juli präsentierten Halbjahreszahlen von Norwegian liefern Hinweise darauf, wie herausfordernd das neue Geschäftsmodell ist. Quelle: Bloomberg
Norwegian Air

Die Mitte Juli präsentierten Halbjahreszahlen von Norwegian liefern Hinweise darauf, wie herausfordernd das neue Geschäftsmodell ist.

(Foto: Bloomberg)

FrankfurtWillie Walsh ist bester Laune. Es läuft gut bei der IAG, der Muttergesellschaft von British Airways, Iberia, Vueling und Aer Lingus. Am vergangenen Freitag konnte der IAG-Chef den Aktionären für das zweite Quartal ein Plus beim Betriebsergebnis von 45 Prozent auf 805 Millionen Euro präsentieren. Der Umsatz legte um 4,3 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro zu.

Vor allem über eine Sache freut sich Walsh: den Erfolg des Billigablegers Level, der erst im Juni den Betrieb aufnahm. „Die Verkäufe sind deutlich über unseren Erwartungen“, lobte Walsh die Langstreckentochter. Zu den zwei Jets der neuen Airline, die bisher nur in Spanien startet, werden im kommenden Sommer drei neue Airbus A330–200 kommen. „Wir erwägen weitere Basen in Europa“, so Walsh.

Das klare Ziel des IAG-Chefs: Er will unter anderem dem deutschen Rivalen Lufthansa mit dessen Billigableger Eurowings Paroli bieten. Und nicht nur er. Air France geht ebenfalls im Herbst mit einem neuen Spross an den Start, zunächst auf der Mittel-, schon bald aber auch auf der Langstrecke. Der Name: Joon. Vor wenigen Tagen haben die mächtigen Piloten dem Vorhaben zugestimmt. Zwar will Air France die neue Tochter nicht als reine Billigairline verstanden wissen. Sie richte sich an die sogenannten Millennials, also die 18- bis 35-Jährigen. Doch damit zielt Joon auf dieselbe Klientel wie Eurowings.

Fast im Wochenrhythmus kündigen Airlines neue Langstrecken-Ziele zu Kampfpreisen an. Die dänische Charterfluggesellschaft Primera Air will ab 2018 in den Transatlantik-Verkehr einsteigen – mit Zielen wie Boston oder New York. Tickets gibt es bereits zu kaufen – zum Beispiel für 287 Euro für einen Hin- und Rückflug von Paris nach New York. Keiner will den Trend „Billig auf der Langstrecke“ verpassen.

Das Problem: Just in dem Moment, in dem sich alle in das für viele neue Geschäftsfeld stürzen, schwächelt der Pionier in diesem Markt. Die skandinavische Airline Norwegian Air Shuttle ist wegen ihrer fragilen Bilanzstruktur, einer übertrieben wirkenden Flugzeugbestellung und steigenden Kosten an der Börse abgestürzt. Seit Anfang Juli hat die Aktie fast ein Viertel an Wert verloren. „Unserer Ansicht nach hat Norwegian damit zu kämpfen, das durch die Flotte diktierte Wachstum zu managen“, analysiert Andrew Lobbenberg von HSBC Global Research die Situation: „Das zweite Quartal beweist, dass die Kosten außer Kontrolle sind.“ Die Kritiker, die nicht daran glauben, dass das auf der Kurz- und Mittelstrecke erfolgreiche Billigmodell auch auf der Langstrecke funktioniert, fühlen sich hundertprozentig bestätigt.

„Die Kosten eines Langstreckenjets sind, wie sie sind“, sagt der Topmanager einer deutschen Fluggesellschaft, der nicht genannt werden will. Gut gemanagt könne man bei der Crew und ein paar weiteren Posten vielleicht bis zu 20 Prozent an Kosten rausschneiden, mehr nicht. „Im Langstreckengeschäft ist das nichts und zu wenig, um die aktuellen Ticketpreise zu finanzieren.“

Diese Billigflieger erobern Europa
Platz 15: Volotea
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Der Markt für Billigflieger wächst – in Deutschland wie auch in Europa. Zudem sind die Airlines auf Konsolidierungskurs, kleine Linien verschwinden zunehmend, die Branchengrößen wachsen teils deutlich.. Auf Platz 15 der größten Low-Cost-Fluggesellschaften liegt Volotea. Im Januar 2017 verzeichneten die Spanier 228 Starts, auf 82 Strecken verfügten sie über 28.474 Sitze.

Quelle: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt; Ranking auf Grundlage der Starts im Januar 2017

Platz 14: Jet2.com
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Eine Billig-Fluggesellschaft mit Tradition: Die Briten mit Sitz in Leeds gingen 2002 aus der 1978 gegründeten Channel Express hervor. 2014 wurde das Portfolio um Langstreckenflüge nach Nordamerika erweitert. Im Januar flog Jet2.com 142 Strecken an, bei 57.198 Sitzen und 330 Starts.

Platz 13: Pobeda
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Der Billigflieger, eine hundertprozentige Tochter der größten russischen Airline Aeroflot, nahm erst im Dezember 2014 seinen Dienst auf. Seit 2016 werden in Deutschland Köln/Bonn und Memmingen angeflogen. Pobeda bedeutet auf Deutsch schlicht „Sieg“ – von diesem ist die Airline im Ranking aber ein gutes Stück entfernt. Im Januar 2017 startete Pobeda 370 Mal, auf 61 geflogenen Strecken boten die Russen 69.930 Plätze an.

Platz 12: Blue Air
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542 Starts, 86.995 Plätze, 131 Strecken: Das sind die Daten des rumänischen Billig- und Charterfliegers Blue Air mit Sitz in Bukarest. Die 2004 gegründete Airline legt besonders großen Stellenwert auf die Inlandsverbindungen, bei ihrer Gründung wurde sie bewusst als Alternative zu den schlechten Straßen- und Eisenbahnverbindungen Rumäniens konzipiert.

Platz 11: Air Baltic
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Air Baltic hat bereits eine bewegte Vergangenheit hinter sich – bei ihrem Start 1995 verfügte die Billigfluggesellschaft über genau eine einzige Maschine, eine Saab 340. Nach einem aufsehenerregenden Kleinkrieg mit der Regierung musste die Airline 2011 schließlich Insolvenz anmelden und wurde verstaatlicht. Im Januar 2017 starteten Air-Baltic-Maschinen 737 Mal, flogen 85 Strecken und boten 67.766 Sitze an.

Platz 10: Transavia
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Als Transavia Limburg, später Transavia Holland 1965 gegründet, sind die Niederländer mit Sitz in Haarlemmermeer heute eine Tochter von Air France. Die Billig-Airline unterhält noch bis Oktober einen Stützpunkt auf dem Flughafen München. Im Januar wurden von Transavia bei 897 Starts mit 161.373 Sitzen insgesamt 211 Strecken geflogen.

Platz 9: Aer Lingus
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Die nationale Fluggesellschaft Irlands wurde 1936 noch als Aer Lingus Teoranta gegründet, seit September 2015 ist sie eine Tochter der International Airlines Group (IAG), eine Holding mit Sitz in Madrid. Im Januar starteten die Iren 1412 Mal, bedienten 138 Strecken und verfügten über 179.881 Sitze.

Das Geschäftsmodell der Billigairlines fußt darauf, dass die Flugzeuge nur kurz am Boden sind, um ent- und beladen zu werden. Denn nur in der Luft verdienen die Unternehmen Geld. Auf der Kurz- und Mittelstrecke funktioniert das gut, hier reicht eine Crew, das Flugzeug kann rund 30 Minuten nach dem Landen wieder abheben.

Auf der Langstrecke müssen die Flugzeuge dagegen länger am Boden bleiben, etwa, weil die technische Überprüfung, aber auch die Reinigung und das Versorgen mit Wasser, Nahrung und Getränken mehr Zeit in Anspruch nehmen. Zudem braucht die Airline mehr Crews pro Flugzeug, denn die vorgeschriebenen Ruhezeiten sorgen dafür, dass das Flugzeug nicht sofort mit derselben Mannschaft wieder zurückfliegen darf. Das alles treibt die Kosten.

Norwegian muss sein Tafelsilber verkaufen
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