Strom-Autobahnen
Netzbetreiber Tennet in der Kritik

Die Probleme des Unternehmens beim Anschluss der Windparks vor Deutschlands Küste werden immer deutlicher. Nun gehen drei Wettbewerber gegen einen Vorstoß von Tennet in die Offensive. Sie befürchten „Sozialisierung“.
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BerlinDie vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber streiten über die Netzanbindung der Offshore-Windparks. Besonders in die Kritik gerät dabei der Übertragungsnetzbetreiber Tennet. Die anderen drei Betreiber – Amprion, 50Hertz und EnBW - befürchten, dass sie für die aktuellen Probleme bei Tennet in Mithaftung genommen werden und rufen die Bundesnetzagentur zu Hilfe. „Wir werden uns nicht an der Sozialisierung der Tennet-Probleme beteiligen. Das ist schlicht nicht zumutbar“, heißt es bei einem der drei Betreiber. Sie haben wenig Verständnis für die Lage bei Tennet. Der Umfang der Offshore-Projekte sei bekannt gewesen, als die niederländische Mutter das frühere Eon-Übertragungsnetz Anfang 2010 gekauft habe. „Die Projekte sind nicht vom Himmel gefallen“, sagt ein Manager eines Übertragungsnetzbetreibers.

Bei einem anderen Betreiber heißt es, man habe Zweifel, ob Tennet die Projekte auch wirklich voran treiben wolle. Schließlich sei das niederländische Mutterunternehmen komplett im Eigentum des top-gerateten niederländischen Staates. „Da sollte es kein Problem sein, Finanzierungen auf die Beine zu stellen“, heißt es. Tennet sei mit dem Kauf des früheren Eon-Übertragungsnetzes eine Verpflichtung eingegangen, die das Unternehmen nun zu erfüllen habe.

Das Tennet-Management räumt ein, dass sich die Finanzierung der Netzanbindung von Offshore-Windparks schwierig gestaltet. „Wir haben aktuell Investitionsentscheidungen über 5,5 Milliarden Euro getroffen. Es werden voraussichtlich mindestens weitere 15 Milliarden Euro auf uns zukommen. Dieser riesige Kapitalbedarf ist kaum mehr zu bewältigen“, hatte Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers, kürzlich geklagt. Händeringend sucht das Unternehmen nach Partnern, die in die Finanzierung einzelner Offshore–Netzanbindungen einsteigen – mit mäßigem Erfolg.

Bei dem Streit der Netzbetreiber geht es nicht nur um Macht und Geld, es geht auch um zentrale Ziele der Energiewende. Die Bundesregierung setzt auf große Windkraftwerke in Nord- und Ostsee. Sie sollen sich innerhalb weniger Jahre zu einem wichtigen Standbein der Stromerzeugung entwickeln. Doch ohne die dazu gehörigen Netzanschlüsse können Offshore-Windparks nicht genutzt werden.

Die Übertragungsnetzbetreiber sind gesetzlich verpflichtet, die Windparks auf hoher See in ihrem jeweiligen Netzbereich ans Stromnetz an Land anzubinden. Die Anbindung erfordert je Windpark oft Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe. Angesichts mehrerer Dutzend geplanter Parks geht es um viel Geld. Bei den vier Übertragungsnetzbetreibern grenzen nur die Versorgungsgebiete von Tennet und 50Hertz an Nord- und Ostsee. Die beiden Unternehmen stehen daher vor besonders großen Herausforderungen. 50Hertz allerdings hat in den vergangenen Wochen immer wieder betont, für die finanziellen Herausforderungen bestens gerüstet zu sein.

Tennet war Ende Februar zur Überraschung der anderen drei Betreiber mit dem Vorschlag in die Offensive gegangen, die Herstellung von Offshore-Anschlüssen unternehmensübergreifend an eine neue Gesellschaft auslagern. Genau das wollen die anderen drei Betreiber verhindern. Sie arbeiten an Gegenvorschlägen. Dabei soll die Bundesnetzagentur eine zentrale Rolle spielen. „Wenn der zuständige Netzbetreiber bestätigt, dass er eine Investition nicht vornehmen kann, sollte die Bundesnetzagentur eine Ausschreibung organisieren“, heißt es in einem Arbeitspapier eines Netzbetreibers. Dann könnten Dritte zum Zuge kommen. Bei der Netzagentur heißt es dazu nur, der Fall, dass ein Netzbetreiber seiner Verpflichtung nicht nachkomme, sei gesetzlich nicht geregelt.  

Alternativ schlagen die Netzbetreiber vor, vorübergehend einen Umlage in Höhe von 0,5 Cent je Kilowattstunde Strom zu erheben. „Diese Umlage sollte über einen begrenzten Zeitraum wie ein Baukostenzuschuss wirken und in der Folge über entsprechende geringere Netzentgelte oder eine entsprechend stärker degressiv gestaltete EEG-Umlage ausgeglichen werden“, heißt es bei einem der Netzbetreiber.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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  • Die Idee mit den Kleinkraftwerken ist Utopie. Angenommen jedes Hauskraftwerk bringt 10kW elektrische Leistung. Wenn dann ein Industriegebiet oder eine mittlere Stadt 500 Megawatt verbraucht, dann müssten ganze 50.000 Motoren in den Kellern laufen. 50 tausend mal Wartung des Erdgasmotors, 50 tausend mal regelmässige Abgaskontrollen, 50 tausend mal Subventionen. Das kann sich einfach nicht lohnen. Wer sehen will, wie billiger Strom wirklich geht, braucht nur in die USA oder nach Kanada blicken, dort bezahlt der Endkunde teilweise nur 6 Cent pro kWh.
    Die Strompreise haben die Schmerzgrenze längst überschritten, spätestens bei der nächsten Wahl wird die Mogelpackung aus CSU/CDU/FDP/SPD/Grüne das zu spüren bekommen.

  • Gigantische Investitionen in Trassen und Windparks. Verspargelung der Berge und Wälder. Muss das sein? Ich denke Nein. Die Wende hin zu erneuerbaren Energien gelingt besser durch Think small. Hauskraftwerke und lokale Einspeisung geben dem Trassenbau mehr Zeit und kosten nicht so viel weil ein großer Teil der Investition sozusagen von Privat geleistet werden. Der Dachs, der Strom und Wärme im Keller erzeugt, den Eigenbedarf deckt und den Überschuss ins Netz abgibt. Oder Lichtblick, die die Investition im Einfamilienhaus vornehmen nach dem Motto: Die Wärme für Dich, den Strom für mich. Wenn das zu vernünftigen Einspeisepeisen auf breiter Basis realisiert wird, durch Solarstrom ergänzt, dann können viele profitieren und nicht nur einige. Leider machen diese Kleinbetreiber keine großen Parteispenden. Das ist eine fast unüberwindliche Hürde, die die Vernunft scheitern lassen kann.

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