36-Jähriger mit beispielloser Karriere
Ein Deutscher an der Wall Street

Er wirkt etwas müde an diesem stürmischen Tag in Manhattan. "Ich bin gerade von der Westküste zurückgekommen und spüre noch den Jetlag", sagt Jan Hatzius und zupft seinen offenen Hemdkragen zurecht.

Doch kaum hat der 36-Jährige zum Lunch Platz genommen, kommt er in Fahrt. Kein Blick mehr aus dem Fenster auf den nahe vorbeifließenden Hudson River. Konzentriert ist der Volkswirt in seinem Element und analysiert die US-Wirtschaft. Die Nominierung von Ben Bernanke zum Chef der US-Notenbank sei eine gute Entscheidung, sagt Hatzius und begründet seine Meinung mit Bernankes tadellosem Ruf als Weltklasseökonom. Der große, jugendlich wirkende Deutsche redet schnell, ohne sich zu verhaspeln. Seine Zunge kann offenbar mit seinem regen Intellekt gut mithalten. Dass Hatzius? Chef Bill Dudley auch ihn kürzlich einen "Weltklasseökonomen" nannte, als er ihn zu seinem Nachfolger kürte, ist eine Parallele, die den in Hamburg aufgewachsenen Hatzius in Verlegenheit bringt.

Er muss sich an den Gedanken erst gewöhnen, dass er ab 1. Dezember zum Chefvolkswirt für Amerika der Investmentbank Goldman Sachs aufsteigt. "Intern ist diese Beförderung gar nicht so herausragend", wiegelt er ab. Aber er räumt ein, dass er in der Öffentlichkeit die ökonomische Stimme einer der besten Adressen an der Wall Street sein wird.

Das Team, das der in Oxford ausgebildete Ökonom demnächst führen wird, besteht zwar nur aus acht Mitarbeitern. Die Außenwirkung ist jedoch groß. Nicht nur die zahlenden Kunden verlassen sich auf die Prognosen der Volkswirte bei den großen Investmenthäusern in New York. Auch die internationalen Medien bedienen sich gern der Expertise von Hatzius und seinen Kollegen. Anders als Wirtschaftswissenschaftler an den Universitäten steht er im Licht der Öffentlichkeit.

Dass er es als einer der wenigen Deutschen an der Wall Street ganz nach oben geschafft hat und noch dazu im Alter von 36 Jahren - Hatzius quittiert das mit einem Achselzucken. Seit sechs Jahren lebt er jetzt mit seiner amerikanischen Frau und zwei Kindern auf der Upper West Side in Manhattan. Das hat Spuren hinterlassen, privat und im Beruf. Zu Hause wird überwiegend Englisch gesprochen, im Büro dominiert die amerikanische Denkschule. "Ich bin ziemlich amerikanisiert", sagt Hatzius. "Nach meiner Meinung hat die Wirtschaftspolitik schon die Aufgabe, nicht nur für die richtigen Rahmenbedingungen zu sorgen, sondern auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu fördern." In Europa werde das leider nicht immer so gesehen, sagt er. Dass hier etwa der finanzielle Spielraum für Steuersenkungen gering ist, räumt er freimütig ein.

Seite 1:

Ein Deutscher an der Wall Street

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%