62-Jährige wird nicht mehr im Studio stehen
Mr. Sportschau, immer noch

Der Fußball ist wieder da, wo er hingehört: bei der Sportschau. Die ARD hat für rund 60 Millionen Euro pro Saison die Rechte gekauft. Ab Freitag, 20.15 Uhr, sendet die Sportschau wieder Erstligafußball – nach elf Jahren Abstinenz.

KÖLN. Die kleinen Fußballfilmchen sind unvermeidlich dieser Tage. Jeder, der die ARD einschaltet, sieht sie. Eher früher als später. Da hechtet der ehemalige Bayern-Torwart Sepp Maier während des Spiels nach einer frei laufenden Ente. Da köpft Uwe Seeler Tor um Tor, und ein Sprecher dichtet: „macht sie reihenweise rein, für Hamburgs großen Sportverein“. Da rollt ein Ball langsam über die Mattscheibe, dramatisch untermalt von Mönchsgesängen und dem Slogan „Der Fußball kommt nach Hause“.

Die Botschaft der Werbespots: Der Fußball ist wieder da, wo er hingehört: bei der Sportschau. Die ARD hat für rund 60 Millionen Euro pro Saison die Rechte gekauft. Ab Freitag, 20.15 Uhr, sendet die Sportschau wieder Erstligafußball – nach elf Jahren Abstinenz.

Der Mann, der die Sendung lange geprägt hat und heute noch verantwortet, sitzt im blassrosa Lacoste-Hemd in seinem Büro hoch über Köln und erklärt, wie die neue Sportschau aussehen soll: „Die Leute wollen zurück zum Ursprung“, sagt Heribert Faßbender, Sportchef des für die Sendung verantwortlichen WDR-Fernsehens. „Und das ist Fußball.“

Faßbender, damals noch beim Radio, war dabei beim Ursprung, am ersten Bundesliga-Spieltag, „das war am 24. August 1963, Schalke gegen Stuttgart“. Zurückgelehnt in seinen Ledersessel, erzählt er, wie er über eine Hühnerleiter auf das Dach der Glückauf-Kampfbahn gestiegen sei, „und weiter über einen 30 Zentimeter breiten Pfad. Daneben bestand Einsturzgefahr. Dann stand ich oben, ohne Schutz, nur das Mikrofon in der Hand.“

Aber diese Zeit ist vorbei. Der heute 62-Jährige wird sich auch nicht mehr ins Studio stellen. Sein „Guten Abend allerseits“ ist Sportschau-Vergangenheit, ein Relikt aus der Zeit onkelhafter Moderatoren wie Addi Furler, die den Deutschen nach dem samstäglichen Rasenmähen unaufgeregt und möglichst mit sonorer Stimme den Fußball ins Haus brachten. Das von Sat 1 ins Spiel gebrachte, aufgeregte Geschrei der „Ran“-Kommentatoren ist einem wie Faßbender fremd. Jenes zornige „Den sollte man zurück in die Pampa schicken“, das er einem Schiedsrichter aus Argentinien entgegengeschleudert hatte, blieb die Ausnahme – auf dem Sender. Im Büro hingegen schreit er genervt: „Ja, was ist denn schon wieder“, als es zum zweiten Mal an der Tür klopft.

„Ich erwarte keinen Rückfall in die Zeiten des Heribert Faßbender“, hat Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß kürzlich gesagt. Faßbender interpretiert es technisch. Hoeneß habe jene Zeit Ende der achtziger Jahre gemeint, in der „wir um die dritte Kamera im Stadion kämpfen mussten“. Heute sind acht Standard.

„Wir wollen das Tempo und die Rasanz von ,Ran’, aber keine Showtreppe“, sagt Faßbender. Jubelndes Studiopublikum in Vereinstrikots wie bei Sat 1 wird es nicht geben. Der WDR sendet wie gehabt aus seinem Studio A, ohne Zuschauer. Die Deutsche Telekom und die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft („Bestes vom Bauern“) präsentieren die Sportschau. Um zwei Werbeblöcke unterbringen zu können, schiebt die ARD eine Mini-Tagesschau ein. So wird der Rundfunkstaatsvertrag ausgetrickst.

„Als Fußballfreund“ freue er sich auf die Sendung, sagt Faßbender. „Aber auch persönlich schließt sich der Kreis.“ Nicht ganz. Faßbender ist zwar weiter WDR-Sportchef. Unter ihm aber leitet Steffen Simon weitgehend unabhängig die Bundesliga-Redaktion. „Da war Faßbender sichtlich geknickt“, sagt ein Insider über die Stunden, in denen diese Entscheidung fiel.

Es lief nicht alles nach dem Geschmack des Sportchefs. Es gelang ihm zwar, die Sendung in Köln zu halten. Aber er hätte gerne Sandra Maischberger als Moderatorin gewonnen. Aber sie sagte ab, Gerhard Delling und Reinhold Beckmann übernahmen. Jener Beckmann, der Faßbender mal „Neandertal“-Berichterstattung vorwarf.

Lieber als darüber spricht Faßbender über alte Zeiten. Darüber, dass er schon als Student der meistbeschäftigte Radioreporter war. Darüber, wie Borussia Dortmunds Stürmer Lothar Emmerich 1966 in London auf der Busfahrt zum Stadion Frauen in Miniröcken sah („Trainer, halt an, da kann man doch keinen Fußball spielen“), wie er einmal den damaligen Mönchengladbacher Meistertrainer Hennes Weisweiler bei der Auswahl eines neuen Spielers beriet – und wie trotzdem nie etwas an die Öffentlichkeit gelangte. „So etwas gibt es heute nicht mehr.“

Die Ran-Datenbank aber, die Mutter aller Fußballstatistiken, kann er nicht ersetzen, trotz seiner vielen Anekdoten. Das fußballerisch faszinierendste Erlebnis seiner Karriere, erzählt er, „war vielleicht das 8:1 von Borussia Mönchengladbach gegen Inter Mailand“. Das Spiel endete 7:1.

Trotzdem: Seine Nachfolger haben von ihm gelernt. Kommentator Jürgen Bergener bewies es beim Ligapokalendspiel am vergangenen Montag: „Über die Außen kommt bislang zu wenig“, fachsimpelte er ins Mikrofon, und „beide Mannschaften wollen“. Die Sätze könnten aus jenem Werk stammen, in dem Thomas Gsella, Heribert Lenz und Jürgen Roth Fußballfloskeln wie „Reuter sieht das Loch“ und „Das kann dem Spiel nur gut tun“ zusammenfassten. Buchtitel: „So werde ich Heribert Faßbender“.

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