Ab Montag erster Angeklagte in Siemens-Schmiergeldaffäre vor Gericht
„Es könnte der Auftakt für eine Prozesswelle sein“

Die milliardenschwere Siemens-Schmiergeldaffäre kommt ab Montag erstmals vor Gericht. Im Prozess um den größten deutschen Schmiergeldskandal ist ein 58-jähriger früherer Manager der Siemens-Festnetzsparte ICN angeklagt.

ap MÜNCHEN. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Untreue in 58 Fällen vor. Der Prozess vor dem Münchner Landgericht reiche aber weit über den konkreten Fall hinaus, meint Professor Manuel René Theisen von der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Es könnte der Auftakt für eine Prozesswelle sein", sagt der Betriebswirtschaftler. Denn fast 300 Beschuldigte hat die Münchner Staatsanwaltschaft bei ihren Mammutermittlungen im Visier, darunter auch vier ehemalige Vorstände. Der nun angeklagte Reinhard S. gilt als Schlüsselfigur in dem Korruptionsskandal. Er soll mit den Ermittlern schon früh kooperiert haben, um das komplizierte Schmiergeldsystem aufzudecken.

Der einstige Manager soll der Anklage zufolge ein ausgeklügeltes System aus Briefkastenfirmen und Scheinberaterverträgen entwickelt haben und so über Jahre hinweg über 50 Millionen Euro in schwarze Kassen geleitet haben. Daraus wiederum soll Geld an Entscheidungsträger geflossen sein, um Aufträge für Siemens zu erlangen. Dem Ex-Manager droht eine mehrjährige Haftstrafe.

Ex-Siemens-Chef Pierer als Zeuge erwartet

Die Siemens-Affäre habe die Unternehmen in Sachen Korruption bereits sensibilisiert, meint Betriebswirtschaftler Theisen. Der Prozess werde ein weiteres Zeichen setzen. "Mit einer Verurteilung wird auch der letzte aufwachen", meint Theisen.

Siemens selbst hat die Summe konzernweiter dubioser Zahlungen auf 1,3 Milliarden Euro beziffert. Der durch Bußgelder Beraterhonorare und weitere Kosten entstandene Schaden liegt dem Konzern zufolge bisher bei 1,8 Milliarden Euro. Siemens droht zudem eine erhebliche Strafe der US-Börsenaufsicht SEC.

Für den am Montag beginnenden Prozess sind bis Ende Juli 15 Verhandlungstage angesetzt. Das öffentliche Interesse ist groß. Etwa 100 Journalisten haben sich laut Gericht angemeldet. Im Juni werden prominente Zeugen wie Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer und der amtierende Finanzvorstand Joe Kaeser erwartet. Pierer ist mit einem Bußgeldverfahren in der Affäre selbst ins Visier der Ermittler geraten.

Geschäftlich habe die Schmiergeldaffäre Siemens bisher nicht geschadet, sagt Betriebswirtschaftsprofessor Theisen. Doch der kommende Prozess und mögliche Nachfolgeverfahren könnten dies ändern, meint er: "Wenn diese Prozesse sich sehr lange hinziehen und Siemens sehr lange negativ in den Medien ist, kann das der Marke enorm schaden."

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