ABB-Chef Fred Kindel im Profil
Säure im System

„McKindle“ haben sie ihn genannt, diesen hoch aufgeschossenen, beinahe hageren Mann; nach seiner Ausbildung bei McKinsey und seinem Namen: Kindle. Fred Kindle. Niemand hatte ihn auf der Rechnung, als der gerade eben in die Rekonvaleszenz entlassene Patient ABB im Jahr 2004 ausgerechnet ihn zum neuen Chef und Nachfolger von Jürgen Dormann kürte.

ZÜRICH. Inzwischen wird keine Rechnung mehr ohne ihn gemacht: Geht es um Managergehälter – Kindle, der Bescheidene, dient als Vorbild. Geht es um die Zukunft des viel kleineren Maschinenbaukonzerns Sulzer – Kindle, der den Laden auch mal geleitet hat, ist ein viel gefragter Ansprechpartner, der es sich natürlich verkneift, auch nur ein Sterbenswörtchen über die Zukunft seines ehemaligen Arbeitgebers zu verlieren.

Und geht es bei der Generalversammlung der ABB-Aktionäre morgen in der Messe Zürich um die eigene Zukunft, so ist ihm Beifall sicher: Kindle hat die Wende, die sein Vorgänger und Noch-Verwaltungsratspräsident Dormann begonnen hat, vollendet: Der Nettogewinn des Konzerns stieg im ersten Quartal um 163 Prozent auf 537 Millionen Dollar. Der ewige, deutlich größere Konkurrent Siemens kam „nur“ auf ein Plus von 56 Prozent.

Da lacht das Aktionärsherz, und da wird auch Kindle, der stille Genießer, lächeln. Er sei zwar nicht dazu da, den Markt zu erfreuen, sagt er gerne. „Aber der Markt soll langfristig seine Freude haben.“

Siemens. In diesen Tagen wird in der ABB-Zentrale im schmucklosen Züricher Stadtviertel Oerlikon, wo Kindle wie Hunderte andere Pendler auch morgens mit der S-Bahn ankommt, aussteigt und die 200 Meter zum ABB-Zweckbau zu Fuß zurücklegt, viel über das Verhältnis zum Konkurrenten nachgedacht. Nicht nur weil sich beide Konzerne inhaltlich ganz gut vergleichen lassen, auch ABB mischt im Markt für Energiesysteme und Automation mit. Auch die Probleme, mit denen sich Siemens herumschlägt, die Korruptionsvorwürfe und schwarzen Kassen, kommen Kindle nur allzu bekannt vor. „Es gibt Weltregionen“, sagt er, „wo es schwierig ist, sauber zu bleiben.“

So ein Satz aus dem Mund eines Siemens-Managers würde derzeit wie eine Ausrede klingen. Ein ABB-Mann darf so reden, denn der Konzern hat schon vor vier Jahren seine eigene „Null-Toleranz“-Regel formuliert. Manager, die auf Schmiergeld setzten, mussten gehen. Es traf mehr als eine Hand voll.

Aber Kindle weiß, dass auch diesem System Grenzen gesetzt sind. Ein Unternehmen sei wie ein Staat, „niemals völlig keimfrei. Aber“, fügt der 48-Jährige hinzu, „wir müssen eine Kultur der null Toleranz leben.“ Dies sei nicht nur ein Gebot der Vernunft. Es sei auch aus moralischen Gründen richtig. Es sind diese Sätze wie aus dem Lehrbuch, die ihm den Spitznamen „McKindle“ eingetragen haben. Doch der gebürtige Liechtensteiner, der seine Karriere so wie beinahe jeder dritte seiner Landsleute einst beim heimischen Baumaschinenhersteller Hilti begonnen hat, füllt sie mit Leben: ABB hat längst eine Hotline geschaltet, in der Mitarbeiter anonym Hinweise auf Unregelmäßigkeiten abgeben können.

Kindle selbst pflegt ein entspanntes Verhältnis zum Geld, was allerdings bei einem Gehalt von zwei Millionen Euro und einer Harley-Davidson in der Garage auch keine ganz große Kunst ist. ABB bezahlt seinem Spitzenmann weniger als andere – eine Konsequenz aus den neunziger Jahren. Damals hatte der Konzern Unsummen für Chefs gezahlt, die sich die Klinke in die Hand gegeben und das Unternehmen beinahe gegen die Wand gefahren hatten.

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