Abschied
Otto II. zieht sich zurück

Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur machen morgen Michael Otto ihre Aufwartung. Der Chef und Hauptgesellschafter des weltgrößten Versandhausimperiums wechselt in den Aufsichtsrat – und mischt weiter mit.

HAMBURG. Abschiednehmen ist harte Arbeit. Jedenfalls für Michael Otto. „Mein letzter Monat als Vorstandsvorsitzender ist mit noch mehr Themen ausgelastet als sonst“, seufzt der 64-Jährige. Bis zum 30. September, dem letzten Arbeitstag als Versandhaus-Chef im gläsernen Hochhaus an Hamburgs Wandsbeker Straße, werde er „voll aktiv“ bleiben, versichert der hochgewachsene Hanseat und rückt seine randlose Brille zurecht.

Dass von einem sanften Ausklingen in den Ruhestand kaum die Rede sein kann, hat viele Gründe. Angeführt von Bundespräsident Horst Köhler, werden morgen 350 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Kultur in den Hamburger Börsensälen Ottos Abschied feiern. Bürgermeister Ole von Beust wird das Wort ergreifen, Altkanzler Helmut Schmidt, ein guter Freund der Familie, auch. Nina Ruge moderiert.

Dabei fehlt dem Firmenpatriarchen, der seit 36 Jahren im Vorstand die Geschicke des elterlichen Versandimperiums mitbestimmt, zum Feiern eigentlich die Zeit. Auf Ottos Schreibtisch wartet ein Stapel Arbeit – den er sich freilich selbst dorthin gelegt hat. „Wir haben vor kurzem die Entscheidung getroffen, nach Brasilien zu gehen“, verrät er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Per Internethandel wolle man in dem südamerikanischen Land künftig Mode verkaufen. Zudem sei man gerade dabei, weitere Ladenstandorte des Spielwaren-Onlinehändlers Mytoys zu eröffnen, von denen Otto bereits zwei betreibt. Und auch zu den bislang vier Standorten des Wäschefilialisten Lascana sollen bald weitere hinzukommen.

Preußische Pflichterfüllung bis zuletzt – dem 1943 in Kulm an der Weichsel (Westpreußen) geborenen Michael Otto scheint sie in die Wiege gelegt worden zu sein. Dabei stammt der nach den Aldi-Brüdern drittreichste Deutsche (geschätztes Vermögen: 9,6 Milliarden Euro) aus bescheidenen Verhältnissen. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs war Vater Werner mit der Familie vor den heranrückenden Sowjets nach Hamburg geflüchtet, wo ihn die Stadt bei fremden Hausbesitzern einquartierte. „Die waren wenig begeistert und beschwerten sich häufig über den Lärm, den wir Kinder machten“, erinnert sich dessen Sohn Michael heute.

Mit 6 000 Mark Startkapital, drei Mitarbeitern und zwei kleinen Gebäuden startete Werner Otto 1949 in der Hansestadt sein Kataloggeschäft. Der verwundete Obergefreite und gescheiterte Schuhfabrikant, der im vergangenen Monat seinen 98. Geburtstag feierte, legte damit das Fundament für das heute mit 15 Milliarden Euro Umsatz größte Versandimperium der Welt.

Sohn Michael übernahm 1971 das Vorstandsressort Einkauf Textil, zehn Jahre später die komplette Leitung – und krempelte die Firma um. Aus dem rein deutschen Einzelunternehmen Otto-Versand macht er einen Konzern mit 123 international operierenden Töchtern. Was Otto 1971 als Umsatz verbucht – nämlich rund 500 Millionen Euro –, erwirtschaftet die Gruppe 2006 dank geschickter Diversifizierung und einer ausgeklügelten Logistik als Betriebsgewinn. „Michael Otto ist ein Visionär, der früher als viele andere erkennt, was künftig notwendig sein wird“, glaubt Ulf Kalkmann vom Hamburger Einzelhandelsverband.

Zudem stockt Otto die vom Vater reduzierte Firmenbeteiligung wieder von 50 auf 75 Prozent auf. Die restlichen Geschäftsanteile der Familien Brost und Funke, der Inhaber des Zeitungskonzerns WAZ, hätte er ebenfalls gern: „Wenn sie ihre Anteile zu einem vernünftigen Preis anbieten würden, wären wir bereit zu kaufen. Im Moment gibt es aber keine konkreten Verhandlungen.“

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