Abschied von Sigrid Selz
Die einflussreiche Beamtin

Im Rampenlicht hat Sigrid Selz nie gestanden. Doch wenn die 66-Jährige jetzt in den Ruhestand geht, kann sie dies mit der stillen Befriedigung tun, für die deutsche Europapolitik mehr getan zu haben als viele Minister, die sie erlebt hat. Denn ihr Leben lang hat sich die lebenslustige Königsbergerin mit hessischem Akzent vor allem mit einem Thema beschäftigt: der EU.

„Und ich bin eine überzeugte Europäerin geblieben“, sagt sie in ihrem Arbeitszimmer im Bundesfinanzministerium sichtlich zufrieden, vor sich einen riesigen Strauß roter Abschiedsrosen. Letztlich hätten weder der jahrelange Streit um den europäischen Stabilitätspakt noch fordernde spanische Finanzminister dieser Begeisterung etwas anhaben können, winkt die langjährige Leiterin der BMF-Europaabteilung lächelnd ab.

Denn an der großen Linie, dem Zusammenwachsen des Kontinents, ändere dies nichts. Tatsächlich hat sie unzählige Stunden damit verbracht, unerfahrenen Politikern, Beamten und Journalisten Europa zu erklären. Unablässig hat sie bei Kollegen und Ministern für Mehrheitsentscheide und weitere Integrationsschritte gekämpft. Ein Großprojekt wie der Euro begeistert sie noch heute sichtlich. Und wohl wegen ihrer 35-jährigen EU-Erfahrung wirkt es mitleidig gelassen, wenn sie die mediale Aufregung über jeden „neuen EU-Streit“ kommentiert: „Meinen Sie vielleicht, die USA würden sich auch nur bei der Harmonisierung der Radkappen von Kanada oder Mexiko überstimmen lassen?“

Es sind die polyglotten Personen im Hintergrund wie Sigrid Selz, die die deutsche Europapolitik über Jahrzehnte so erfolgreich gemacht haben: In Königsberg geboren, ist sie in Hessen aufgewachsen. Es folgten Jurastudium und eine Ausbildung an der Pariser Eliteschule Ecole Nationale d’Administration. Für den transatlantischen „Ausgleich“ sorgte die Zeit an der Columbia University in New York.

Dann das Bundeswirtschaftsministerium: Fortan hieß es Europa, Europa – dazu kam noch 37 Jahre lang eine Lebensgemeinschaft mit einem mittlerweile verstorbenen belgischen Industriellen. 13 Jahre hat sie an der deutschen EU-Vertretung in Brüssel verbracht und den Wandel der deutschen Europapolitik miterlebt. „In den 70er- und 80er-Jahren ermahnten die deutschen Regierungen die EU-Kommissare noch, strengstens auf die Einhaltung der Beihilferegeln zu achten.“

Doch die deutsche Einheit änderte alles. Selz erlebte, wie durch Ostdeutschland auch der frühere Prinzipienreiter Deutschland nach Strukturmitteln schielte und um Beihilfe-Genehmigungen bettelte. Dass ihre Abteilung 1998 ins Finanzministerium wanderte, findet sie heute richtig. „Deutschland war doch bis dahin das einzige Land, das im Ecofin-Rat in Brüssel immer das doppelte Lottchen spielte: Immer mussten Wirtschafts- und Finanzminister reden.“

Unter Hans Eichel hat sie auch erlebt, wie der auf deutschen Druck gezimmerte Stabilitätspakt auf Deutschland zurückschlug – zu Unrecht, wie sie findet. Noch am letzten Arbeitstag ärgert sie eine starre Auslegung des Paktes, ohne dass wirtschaftliche Rahmenbedingungen beachtet werden. Die EU-Finanzminister würden so zu „Rechenschiebern“ degradiert, statt sich um Wachstum und Beschäftigung kümmern zu können. Auch künftig wird ihr Leben europäisch bleiben: „Ich werde es zwischen Berlin und der Provence verbringen, wo ich ein kleines Haus habe.“

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